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Das Thema, obwohl vielleicht im Titel ein bisschen humorvoll provokant formuliert, ist mir persönlich sehr wichtig. Oft werde ich von Sehenden gefragt: „Wie soll ich mit einem blinden Menschen umgehen?“ Und meistens lautet meine Antwort: „Einfach ganz natürlich, wie du mit einem anderen Menschen auch umgehen würdest.“ Aus irgendeinem Grund scheint das aber vielen Menschen, gerade beim Thema Anfassen, über das ich heute schreiben möchte, sehr schwer zu fallen.

Zunächst einmal ein kurzer Ausschnitt aus meinem Alltag:
Letztens gehe ich von der Arbeit nach Hause. Ich benutze meinen Blindenstock, aber wie das nun mal so ist, kommen immer wieder kleine Hürden, die ich nicht immer sofort umschiffen kann. Ich komme an die Ampel, die ich überqueren muss. Es ist rot. Ich taste mich mit dem Stock an den Bordstein heran. Der Verkehr parallel zu meiner Gehrichtung fährt los. Es wird grün. Ich möchte gerade losgehen, da packt mich eine fremde Hand am Arm und eine Stimme sagt: Es ist grün.
Ich bedanke mich und mache mich beim Überqueren der Straße von der Hand los. Haben die Leute denn noch nie etwas von Individualdistanz gehört?

Auf der anderen Straßenseite steht ein Gebäude, und wie das nun einmal so ist, wenn man nach einem langen Arbeitstag nicht mehr so ganz konzentriert ist, stoße ich mit dem Stock gegen die Hauswand (oder was auch immer 😉 ). Aber kein Problem, die fremde Hand ist nämlich wieder da. Jemand sagt etwas zu mir, das ich nicht mehr erinnere. Ich glaube, es ist dieselbe Stimme wie an der Ampel, aber ich bin mir nicht sicher. In mir beginnt es zu brodeln. Abermals mache ich mich von der Hand los und gehe weiter. Mein Stock reicht mir fast bis zum Kinn. Bei meiner Gehgeschwindigkeit, die zugegeben recht flott ist, ist dies auch nötig, damit ich meinen Weg ausreichend weit im Voraus ertasten kann. Eigentlich war auch keine wirkliche Gefahr im Verzug, nur die Hausecke, und jeder kann sich einmal einen derart langen Stock vor den Bauch halten (oberes Ende etwas oberhalb des Bauchnabels), um zu prüfen, wie weit man damit dann von einem Objekt entfernt ist. Mit ein bisschen Übung umschifft man die meisten Objekte ganz gut, ohne sich zu verletzen.

Ich setze also meinen Weg fort. Die U-Bahn-Station, die ich betreten möchte, ist nicht weit entfernt. Ich erkenne sie meist am U-Bahn-Geruch oder an dem Wind, der daraus weht oder am Geräusch, spätestens aber, wenn ich das Bodengitter vor der Treppe mit dem Stock ertaste.
Als ich schon fast da bin, packt mich plötzlich wieder eine fremde Hand und versucht mich nach rechts zu ziehen, weg vom U-Bahn-Schacht. Jetzt reicht es mir. „Lassen sie mich bitte los!“, pflaume ich den Fremden an, der auch augenblicklich die Hand wegreißt, als habe er sich verbrannt.
„Möchten Sie zur U-Bahn?“, fragt er.
Nein, denke ich, ich habe nur auf jemanden gewartet, der mal wieder meine Individualdistanz unterschreitet und glaubt zu wissen, wohin ich muss. Natürlich möchte ich zur U-Bahn! Ich antworte ihm und gehe zur Treppe. Mich überkommt ein schlechtes Gewissen. Der arme Kerl kann ja nun wirklich nichts dafür, dass mich innerhalb der letzten fünf Minuten schon zwei andere Fremde angefasst haben, ohne vorher nach meinem Einverständnis zu fragen.

„Es tut mir Leid“, sage ich deshalb, „aber es ist wirklich sehr unangenehm, wenn man ständig von fremden Leuten angepackt wird.“ Meine stimme klingt deutlich freundlicher, so zumindest meine Wahrnehmung.
„Beim nächsten Mal können Sie auch hinfallen“, antwortet der Fremde und geht weiter. Kopfschüttelnd, beinahe schon belustigt, setze ich meinen Weg fort. Von Fallen konnte ja nun keine Rede sein, die Treppe war noch einige Meter weit entfernt. Interessanterweise passiert es mir äußerst häufig an Treppen, dass Leute mich am Arm packen und hinunterführen möchten. Ich weiß nicht, manchmal frage ich mich, ob ich wirklich derart hilflos aussehe, dass das nötig wäre. Die Leute, die mich kennen, werden wahrscheinlich bestätigen, dass dem nicht so ist. Dass man als Blinder etwas vorsichtiger an Treppenabsätzen sein muss, leuchtet vermutlich jedem ein, aber davon abgesehen ist Treppen steigen wirklich nicht besonders schwierig.

Während ich durch die U-Bahn ging, grübelte ich, wie schon oft, über eine Lösung nach. Viele Menschen wissen, was eine Individualdistanz ist. Das ist die Nähe, in die ich jemanden lasse, und mich dabei noch wohl fühle. Bei Fremden kann diese Distanz 1,5-2 Meter betragen – das ist dann auch der Grund dafür, dass wir uns nicht wohl fühlen, wenn wir mit vielen Leuten in einem Aufzug zusammengepfercht werden. Uns nahe stehende Menschen lassen wir hingegen sehr viel näher an uns heran, 30 cm können da locker unterschritten werden. Und im Allgemeinen werden mir andere Menschen zustimmen, dass es unangenehm ist, wenn jemand diese Distanz unterschreitet.
Warum gilt das nicht für uns blinde Menschen? Warum passiert es uns so oft, dass wir ungefragt angepackt und irgendwo hingezerrt werden? Können wir nicht mit anderen Menschen sprechen, weil wir nicht sehen können, oder ist es Bevormundung oder gar Unhöflichkeit der anderen?

Ich spüre, dass manche sich schwer tun. Wenn ich z. B. frage, wo die nächste Zugtür ist, und der andere statt „rechts“ oder „links“ sagt „Ich bringe Sie hin“, dann ist es am einfachsten, wenn ich mich einfach zur Tür führen lasse, aber das ist dann meistens auch in Ordnung, weil dabei vor dem Anfassen schon mal eine kurze Kommunikation statt gefunden hat. Dass jemand mal zupackt, weil er eine Gefahrensituation wittert, ist für mich auch in Ordnung. Häufig kommt das nicht vor, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass sehende Menschen nicht immer abschätzen können, ob etwas gefährlich ist – und wir ja vielleicht auch nicht, insofern lassen sich diese Situationen nicht vermeiden.
Was ich nicht in Ordnung finde, ist, wenn jemand mich einfach anfasst, ohne sich vorher bei mir zu melden. Ich meine, stellt euch vor, ihr lauft, und jemand fasst euch an, und ihr wisst nicht einmal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau oder um ein Kind handelt. Und die Steigerung ist dann noch, dass die Person euch irgendwo hin mitnehmen möchte, wo ihr aber überhaupt nicht hin wollt. So etwas erlebe ich sehr oft. Nicht immer werde ich in eine falsche Richtung gezerrt, aber häufig ohne vorherige Kommunikation irgendwo hingeführt. Ich unterbinde das oft freundlich, aber bestimmt. Trotzdem ist es frustrierend und anstrengend, täglich seine Individualdistanz, seine Autonomie und seine Grenzen gegenüber meist gutmütigen Helfern verteidigen zu müssen. Es ist vor allem deshalb so ärgerlich, weil in den meisten Fällen eine kurze Ansprache vorher möglich ist, diese aber nicht gemacht wird.

Die Lösung ist eigentlich ganz einfach und steht schon in der Überschrift: Erst fragen, dann anfassen. Als ich durch die U-Bahn-Station lief, habe ich überlegt, mir ein Schild mit dieser Aufschrift groß irgendwo hinzumachen, kam dann aber doch wieder davon ab und beschloss statt dessen, einen Blog zu beginnen, in welchem ich über derartige Gegebenheiten berichte und Lösungen aufzeige für ein besseres Miteinander und ein selbstbestimmtes Handeln. Natürlich mag es auch blinde Menschen geben, die da nicht so empfindlich sind, aber da das vorher niemand weiß, ist es immer hilfreich, erst einmal zu fragen, ob der Betreffende gerade Hilfe braucht. Dann kann man ja oder nein sagen und wenn wir nein sagen, dann meinen wir das auch so. Wenn wir ja sagen, können die weiteren Bedingungen verhandelt werden. Es kann sein, dass der Blinde fragt, ob er den Helfer am Arm nehmen darf, damit er schneller von A nach B kommt, oder umgekehrt, und der andere Gesprächspartner kann das dann akzeptieren oder ablehnen. Auf diese Weise braucht niemand das Gefühl haben, dass der andere übergriffig oder aber patzig geworden ist, und wir können entspannt zusammen weiter kommen, bei was auch immer 🙂

Übrigens: Erst fragen, dann anfassen, gilt auch für alle Menschen, die Mitleid empfinden und uns gerne segnen möchten. Davon gibt es nämlich gar nicht so wenige. Ich habe ja nichts dagegen, wenn jemand mir seinen Segen mitgeben möchte, aber die Hand auf der Schulter muss wirklich nicht sein, wenn ich denjenigen vorher noch nie gesprochen habe. Und es ist wirklich nicht schwer mich anzusprechen und das dürfte für die meisten behinderten Menschen gelten.
In diesem Sinne einen Segen an alle, die das hier lesen 🙂

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