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Ich wohne in einer Stadt, in der Fahrradfahrer narrenfreiheit genießen. Für die Fahrradfahrer ist das ganz großartig, für uns Blinde – na ja. Ihr habt jetzt 10 Sekunden Zeit um euch die Frage aus dem Titel zu beantworten. Wer gewinnt?

eins …

Zwei …

Drei …

Vier …

Fünf … (schön langsam lesen, nicht dass weniger als 10 Sekunden vergehen)

Sechs … (Ok, lassen wir das, ihr seid sicher schon durch und habt eine Antwort parat!)

Bevor ich die Frage beantworte, sehen wir uns einmal die Ausrüstung beider Parteien an:

Der Blinde (natürlich ist immer auch die weibliche Person gemeint): Er hat in der Regel seinen eigenen Körper dabei inkl. Größe und Körpergewicht. Je nachdem, wie groß oder klein, schwer oder leicht er ist, bietet das gewisse Vor- oder Nachteile gegenüber dem Fahrradfahrer – hierbei gilt, je größer und schwerer, desto besser. Außerdem hat er oftmals seinen Blindenstock dabei (ausgenommen sind die Blindenführhundhalter). Dieser Stock reicht dem Blinden üblicherweise mindestens bis zum Brustbein. Dadurch ist diese Waffe gut für den Kampf geeignet. Nah- und Fernkampf kann der Blinde damit einigermaßen gut justieren, was aber auch maßgeblich von seinem evtl. vorhandenen Sehrest sowie seiner Orientierungsfähigkeit abhängt. Der Blindenstock ist allerdings nicht sehr stabil. Es handelt sich dabei um eine dünne Metallstange, die meist zusammenfaltbar und daher aus mehreren kürzeren Einzelteilen besteht, die innen durch einen Gummistrang verbunden sind. Sie gibt bei stärkeren Schlägen nach oder wird eingedellt. An der Spitze sitzt eine Kugel, die unterschiedlich groß ist. Je größer, desto eher hat der Blinde eine echte Waffe in der Hand, mit der er sich verteidigen kann, zumindest im Fernkampf, solange sie noch nicht beschädigt ist. Weiterer Vorteil des Stockes ist, dass er weiß ist und manchmal sogar mit einer reflektierenden Folie versehen. Dadurch ist er gut erkennbar. Außerdem macht er auf dem Boden üblicherweise Lärm, wobei hier die Keramikkugeln zu bevorzugen sind, da sie mehr Lärm machen und dadurch der Fahrradfahrer schon von Fern eingeschüchtert und zu einem Umweg gezwungen werden kann.

Der Fahrradfahrer (auch hier ist immer die weibliche Form mit gemeint): Er hat ebenfalls seinen Körper inkl. Größe und Gewicht dabei und für ihn gelten ähnliche Regeln wie für den Blinden. Zusätzlich hat er aber zwei gesunde Augen, mit denen er sich gut orientieren und alles sehen kann, was auf ihn zukommt. Er hat zwar keinen Stock dabei, aber dafür sein Fahrrad, das ebenfalls ein gewisses Eigengewicht besitzt. Je größer der Fahrer, desto größer und schwerer ist in der Regel auch sein Fahrrad. Dieses wiederum besitzt eine Klingel, die viel Lärm machen sollte und auch von fern gut hörbar ist. Dadurch hat auch der Fahrradfahrer eine Chance sich bemerkbar zu machen, seinen Gegner einzuschüchtern und zum Rückzug zu bewegen. Ein Kampf kann vermieden werden. Interessanterweise habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass Fahrradfahrer diese Möglichkeit selten ausschöpfen. Vermutlich fühlen sie sich auf ihrem Rad besonders sicher. Sie können keinen Fernkampf durchführen, aber dafür können sie mit ihrem Fahrrad gezielt alles umfahren, was ihnen entgegen kommt. Der Blinde kann sich gegen einen solchen Angriff i. d. R. nicht rechtzeitig verteidigen oder ihm ausweichen, da der Fahrradfahrer viel schneller unterwegs ist als der blinde Fußgänger. Durch Schwung, Geschwindigkeit und Gewicht ist es wahrscheinlich, dass er seinen Gegner niedermähen kann. Da ein Fahrrad aber nur 2 Räder besitzt und der Fahrer während des Manövers sein Gleichgewicht behalten muss, kann es gelegentlich geschehen, dass der Radfahrer von seinem Gefährt fällt und sich bei seinem Manöver ebenfalls nicht unerhebliche Verletzungen zuzieht. Davon abgesehen kann er aber sein Fahrrad auch als alleiniges Kampfinstrument nutzen und sich selbst zurückziehen. Dies funktioniert, wenn er das Rad an unerlaubten Plätzen abstellt, z. B. es an Schildern oder Laternenpfahlen festmacht. In diesem Fall ist es dem Blinden aber auch möglich, gegen das Rad, welches sich ja allein nicht bewegen kann, einen Angriff zu führen und es umzustoßen. Das Fahrrad kann sich gegen einen solchen Angriff mit seinem Lenker verteidigen, welches er dem Blinden in den Bauch rammen kann, da es wegsteht und von dem Blindenstock, welcher am Boden entlang pendelt, nicht erfasst werden kann.

Und jetzt das Ganze noch mal ernsthaft. Fahrradfahrer sind für Blinde oftmals nicht ungefährlich, weil sie häufig sehr schnell fahren und man ihnen nicht ausweichen kann. Viele Fahrräder sind während der Fahrt sehr leise oder aber die Umgebung ist so laut, dass man sie deshalb nicht immer kommen hören kann. Die Radfahrer haben zwar eine Klingel, benutzen sie aber seltsamerweise nicht besonders oft. Vor allem, wenn sie einem entgegen kommen, können Unfälle passieren. Ich bin schon mehrfach von einem Fahrrad fast angefahren worden. Vor ein par Jahren hat mir eine Fahrradfahrerin beim Überqueren einer Amppel den Stock überfahren mit dem Ergebnis, dass das unterste meiner Stockteile völlig verbogen war. Ich weiß nicht, ob jemand sich vorstellen kann, wie es ist, auf einer Straßeninsel zu stehen mit einem kaputten Stock, der zu nicht mehr viel zu gebrauchen ist, außer vielleicht, dem nächstbesten Passanten eine reinzuschlagen, stellvertretend sozusagen für den Radfahrer, der sich selbstverständlich aus dem Staub gemacht hat. Stellt euch einfach vor, jemand sprüht euch im Vorbeigehen irgendein Gift in die Augen, wodurch ihr fast nichts mehr sehen könnt, und das euch zwingt, erst einmal einen Augenarzt aufzusuchen.

Ich selber hatte großes Glück, dass mir das quasi vor meiner Haustür passierte, sodass ich es irgendwie bis dorthin schaffte und den kaputten Stock gegen einen heilen austauschen konnte. Ich weiß aber auch von Fällen, wo Blinde von Radfahrern umgefahren wurden und sich dabei verletzt haben. Und in dem Fall, an den ich gerade denke, hat der Fahrradfahrer sich auch aus dem Staub gemacht, eine Sache, die für mich so gar nicht geht. Ich kann nicht jemanden anfahren, der selber schon benachteiligt ist, und dann einfach die Flucht ergreifen ohne nachzusehen, ob der andere sich verletzt hat!

Auch stehende Fahrräder sind häufig ein Problem. In meiner Stadt stehen sie überall, das ist wie eine Plage, besonders dort, wo sie eigentlich gar nicht stehen dürfen, an Laternenpfahlen, an den Hauswänden, einfach überall. Meistens stoße ich Räder mit dem Stock oder mit meinem bloßen Schwung um, vor allem, wenn sie nicht oder nicht richtig festgemacht sind. Meistens lasse ich sie dann auch liegen, weil ich wenig Verständnis dafür habe, dass jemand bewusst anderen Menschen Hindernisse in den Weg stellt. Ich habe mich an Fahrrädern aber auch schon empfindlich gestoßen. Das liegt daran, dass die Lenker zu beiden Seiten abstehen. Banal, möchte man sagen, ist es aber gar nicht. Ein Blindenstock tastet vor allem die Umgebung am Boden direkt vor einem ab, ungefähr in einem Halbkreis mit ca. einem Meter durchmesser, vielleicht auch etwas weniger. Dabei wird der Stock so geführt, dass er immer den nächsten Schritt auscheckt. Es kann aber, vor allem bei großen Fahrrädern, passieren, dass man das Rad mit dem Stock gar nicht antastet, weil es außerhalb des Kreises liegt, den man mit dem Stock ertastet hat. Das gilt dann aber nicht für den Lenker, der sehr wohl dort hineinragen kann, wo man vorbeigeht. Da er aber in Höhe von Bauch oder Brust heraussteht, gibt es keine Möglichkeit, das zu erkennen. Selbstverständlich kann man mit der freien Hand vor sich tasten, ob sich dort etwas befindet, aber das ist auch nicht so einfach, weil man ja nicht weiß, ob überhaupt ein Fahrrad in der Nähe steht und wenn ja, ob es sich rechts oder links vor einem befindet. So ist es mir schon ein paarmal passiert, dass ich entweder einen Lenker im Bauch oder in den Rippen hatte, oder aber mit der freien Hand so daran entlanggeschleift bin, dass ich mir die Haut aufgeschürft habe. Nicht so schlimm, aber auch nicht gerade angenehm, oder was meint ihr?

Dass viele sich über so etwas keine Gedanken machen, sieht man auch daran, wo Fahrradständer aufgestellt werden. Auf einem meiner Wege gibt es eine Apotheke, an deren Hauswand Fahrradständer angebracht sind. Die Fahrräder stehen dann in Gehrichtung parallel zur Hauswand und daran habe ich mich auch schon öfter gestoßen. Einmal ging ich hinein und fragte, ob diese Fahrräder dort stehen dürften. Die Apothekerin bestätigte, dass die Fahrradständer draußen ihre Richtigkeit hätten. Ich bedankte mich, konnte aber nicht umhin die Bemerkung fallen zu lassen, dass man sich daran verletzen kann. Die Apothekerin erwiderte, dass der Gehsteig doch aber breit genug sei, woraufhin ich antwortete, dass das zwar stimme, dass das aber ein Problem sei, wenn man sich als Blinder an der Hauswand orientieren müsse, um bspw. den richtigen Eingang zu finden.

Ich bin darüber nicht sauer oder so etwas, ich denke, dass viele Menschen gar nicht so genau wissen, wie Blinde sich orientieren, und deshalb gar nicht auf die Idee kommen, dass z. B. ein Fahrradständer an der Außenwand des Hauses ein Problem darstellen könnte. Wenn man aber einen Eingang sucht und nichts oder nur sehr wenig sieht, bleibt einem nichts anderes übrig, als direkt an der Hauswand entlang zu gehen, um mitkriegen zu können, wann ein Eingang kommt. An der Straße ist es dasselbe. Manchmal ist es nötig, sich am Bordstein zu orientieren, wenn adäquate Leitlinien auf der anderen Seite fehlen, man sich nicht so gut auskennt, eine Straßenkreuzung oder Ampel sucht etc. Problem dabei ist, dass sich die Fahrradwege meistens direkt neben der Straße befinden. Der Blinde geht also notgedrungen auf dem Radweg.

Was ist hilfreich?
Wenn ihr jemanden seht, der auf dem Radweg läuft, benutzt bitte immer die Klingel, um euch bemerkbar zu machen. Von hinten könnt ihr wahrscheinlich nicht gleich sehen, dass es eine blinde Person ist, aber wenn es eine ist, kann sie auf die Klingel reagieren und aus dem Weg gehen. Ebenso verhält es sich, wenn ihr uns entgegen fahrt. Auch dann wissen wir, dass es euch gibt. Idealerweise geht einfach kurz auf die Bremse, wenn ihr an uns vorbeifahrt, damit es nicht aus Versehen passiert, dass wir mit unserem Stock unter euer Rad kommen und wir uns beide verletzen. Auch wir können dann besser einschätzen, wo ihr gerade seid, und darauf achten, dass niemandem etwas passiert. Bitte stellt euere Fahrräder außerdem nur dort ab, wo es gestattet ist, also wo sich Fahrradständer befinden. Das ist zwar auch nicht immer optimal gelöst (siehe oben), aber es ist trotzdem eine immense Erleichterung. Und falls doch etwas passieren sollte, fahrt bitte nicht weg, sondern schaut nach, ob es der anderen Person gut geht. Wenn ihr Schilder seht, wo drauf steht, dass ihr absteigen und das Rad weiterschieben sollt, tut das bitte. In der Regel haben diese Schilder ihre Berechtigung und ermöglichen uns allen ein gefahrloses miteinander gehen und aneinander vorbeikommen. An dieser Stelle geht auch ein besonderer Dank an all diejenigen unter euch, die diese Regeln bereits beherzigen. Wenn wir alle im Straßenverkehr aufeinander Rücksicht nehmen, können wir die Gefahr für alle Beteiligten minimieren.

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