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Heute war einer der wenigen Tage, an denen ich mein Leben als Behinderte zum Kotzen finde, und jeder, der schon mal 2 Stunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln für einen Weg brauchte, den er mit dem Auto in 20 Minuten fährt, weiß, wovon ich rede. Als ob ich sonst nichts zu tun hätte!

Ich weiß nicht, ich war vielleicht auch selber Schuld. Wir hatten Seminar, der Dozent hat überzogen, und ich wollte nicht schon wieder diejenige sein, die fragt, wann wir Schluss machen, weil ich ja zum Zug muss. Die Seminarteilnahmebestätigungen waren außerdem noch nicht mal unterschrieben. Also harrte ich der Dinge, die da kamen. Wie immer, wenn ein Dozent überzieht, macht er das so, dass ich gerade noch viel Zeit habe, aber nicht mehr genug, um den nächsten Zug zu erwischen. Der drauf folgende kommt dann aber erst in 25 Minuten. Insgesamt also eine gute halbe Stunde Zeit. Im Sommer mag sich das ja noch als Glücksgriff ausgehen, denn nach 8 Stunden Seminar freut man sich ja über ein bisschen frische Luft, aber im Winter bei 0 Grad oder weniger wird man zumindest wieder richtig wach, wenn man es vorher nicht war.

Ich hatte schon damit gerechnet, dass ich meinen Zug nicht mehr erwischen würde, aber ich habe wirklich oft das Glück, gerade am Fuß der Treppe zum Gleis anzukommen, wenn der Zug gerade noch dort steht, und ich höre ihn dann und weiß, dass ich ihn nicht mehr erreichen werde. Das ist ein grandioses Gefühl! Heute stand ich vor dem Zug, und es war sogar eine sehende Frau da, die versuchte, die Tür zu öffnen, aber diese ging leider nicht mehr auf. Also 20 Minuten warten, aber damit hatte ich ja gerechnet. Der Zug war sogar etwas zu spät, sonst hätte ich ihn gar nicht mehr mitbekommen. Trotzdem ist es so viel frustrierender, wenn man dem Zug beim Wegfahren zuhören kann, als wenn man ankommt und weiß, er ist gerade vor einer Minute weggefahren. Irgendwie komisch, oder?

Nach 20 Minuten, in denen ich mit einem Auto schon zu Hause gewesen wäre, kam dann endlich die nächste Bahn. Erstaunlicherweise war sie sogar pünktlich, was bei der deutschen Bahn ja nicht allzu oft vorkommt. Ich stieg also ein und nach 16 Minuten an meinem Heimatbahnhof wieder aus. Dort eilte ich dann zum Bus. Als ich ankam, standen gerade 2 Busse da. Problem nur, ich wusste nicht, dass da zwei Busse stehen. Ich habe nie mit anderen Blinden darüber gesprochen, ob sie es auch schwierig finden, zu ergründen, wie viele Busse an einer Haltestelle stehen. Ich persönlich finde das jedenfalls oft schwierig, v. a. dann, wenn die Fahrzeuge bereits dort stehen. Dann hört man sie ja nicht einfahren. Ich eilte also zu dem Bus und fragte nach der Liniennummer. Es war die falsche. Leider kam die Person, die mir die Auskunft gab, nicht auf die Idee, mir mitzuteilen, dass da noch ein weiterer Bus steht. Ich bekam das deshalb erst mit, als beide davon fuhren. Kein Problem, dachte ich, auf der anderen Seite fährt noch ein weiterer Bus zu mir nach Hause. Blöd nur, dass der ach gerade weggefahren war. Und was bringen einem überhaupt 2 verschiedene Linien, wenn sie zur selben Zeit abfahren?

Der nächste Bus kam dann erst in einer halben Stunde. Für eine Stadt mit über 100.000 Einwohnern fand ich das frustrierend lange zu warten. Ich kam mir vor wie im Dorf, aber dann fiel mir ein, dass in einem Dorf sonntags ja gar keine Busse fahren. Ich konnte auch niemanden anrufen, denn der Akku meines Handys hatte auch den Dienst quittiert. Ich war so frustriert, dass ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte, ein Taxi zu nehmen. Dann fiel mir ein, was das bis zu mir nach Hause kostet, und ich habe ausgeharrt und auf den nächsten Bus gewartet. Insgesamt war ich fast 2 Stunden unterwegs. Als mein Bus kam, kam auch wieder der andere Bus, wie eine halbe Stunde zuvor. Das wusste ich aber diesmal und konnte gezielt nach dem zweiten Bus suchen. Die Lücke zwischen den Bussen war wirklich recht klein, so zumindest mein Eindruck, und ich habe auch gezielt mit dem Stock danach getastet, sonst hätte ich gar nicht gewusst, wo der eine Bus anfängt und der andere endet.

Welche Lösungen gibt es? Ich weiß nicht so recht, und heute ist mir auch nicht so richtig nach Lösungen. Ich weiß aber, dass die Schweizer Firma ein Informations- und Navigationssystem namens PAVIP erfunden hat, welches es möglich machen soll, dass blinde und sehbehinderte Menschen dieselben Informationen zur Verfügung haben wie sehende Menschen auch. Es gibt ein Modul für den Blinden und ein passendes Modul im Bus. Die beiden kommunizieren miteinander, und man kann sich damit dann z. B. ansagen lassen, welcher Bus gerade einfährt. Wenn mehrere Busse da sind, kann man ein Signal an dem Bus abspielen, den man benutzen möchte, damit man nicht aus Versehen in den falschen Bus steigt. Näheres gibt es ier zu lesen:

http://www.bones.ch/bones/pages/ger/pavip/transport.html

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Was würde es kosten, diese Systeme auch in anderen Städten zu implementieren? Leider habe ich keine Ahnung, aber es wäre sicher interessant das erstens einmal herauszufinden und zweitens darüber nachzudenken, wie so etwas finanzierbar wäre. Auch hier in meiner Heimatstadt gibt es eine Bushaltestelle, wo die Einfahrt der Busse angesagt wird, und immerhin ein paar Bushaltestellen, an denen man auf Knopfdruck die nächsten Abfahrtszeiten ansagen lassen kann. Fahren aber mehrere Fahrzeuge ein, versagt auch die automatische Ansage. Sie sagt zwar die einfahrenden Busse an, aber man kann sich nicht 100%ig sicher sein, dass die Fahrzeuge auch wirklich in der angesagten Reihenfolge da stehen. Eine Möglichkeit, durch ein Signal den Bus hören zu können, den man braucht, wäre sicher ein großer Komfort. Und ich verstehe das Schweizer System so, dass es einen einheitlichen Standard hat und somit universal einsetzbar wäre.

Und wenn wir schon bei öffentlichen Verkehrsmitteln und deren Problemen sind, noch eine Sache. Wichtig wäre auch eine Möglichkeit, herauszufinden, ob an einer Haltestelle gerade Schienenersatzverkehr für Regional-, S- oder Straßenbahnen fährt. Mir ist es nämlich auch schon passiert, dass ich einsam am Gleis stand und nicht wusste, dass ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wurde. Dies hatte zur Folge, dass ich zu spät zu einem wichtigen Termin kam. Natürlich merkte ich, dass niemand außer mir da war, aber bis ich jemanden fand, der mir weiterhelfen konnte, verstrichen die Minuten, die ich gebraucht hätte, um den Schienenersatzbus zu erreichen und pünktlich anzukommen. Dies wäre also auch eine wichtige Information, die bei der Implementierung eines Systems zum Abruf von Informationen über öffentliche Verkehrsmittel zu berücksichtigen wäre.

Leider sind wir von so einem Komfort noch meilenweit entfernt, und vermutlich wird nie das nötige Kleingeld vorhanden sein, um so etwas flächendeckend zu implementieren. Für uns gilt deshalb wohl weiterhin die Devise fragen, fragen, fragen.

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