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Meine eigene Zeit als Blindenführhundhalterin ist zwar schon eine Weile her, aber ebenso wie wir selbst werden unsere wertvollen Gefährten auch häufig unbefugt angefasst. Deshalb ist es nur eine logische Konsequenz, dass ich auch hierüber einen Artikel schreiben muss. 🙂

Wir Menschen sind die einzigen Wesen, die einen hoch entwickelten Verstand besitzen, und das Wunderbarste an diesem Verstand ist, dass man ihn bei Bedarf einfach ausschalten oder verlieren kann 🙂 Besonders häufig scheint dies zu passieren, wenn eine Person auf einen Blindenführhund trifft. Na gut, das ist jetzt wohl ein bisschen zu gemein, denn tatsächlich scheinen die meisten Menschen einfach keine Ahnung zu haben, was man bei einem Blindenführhund beachten muss, und die ignoranten Seelen werde ich auf diesem Kanal wohl nicht erreichen. Trotzdem möchte ich euch ein paar Anekdoten erzählen, die vielleicht fürs Verständnis hilfreich sind.

Drei Anekdoten zum Einstieg

Einmal saß ich im Bus. Ich hatte den Sitz gewählt, der sich neben dem Kinderwagenstellplatz an der Mitteltür befindet, denn so ein Hund ist ja nicht gerade klein, und ich wollte, dass er ein bisschen Platz hat. Jedenfalls stieg irgendwann eine Person ein und stellte sich dort hin, wo mein Hund lag. An sich kein Problem, wenn genug Platz wäre, aber offensichtlich war dies nicht der Fall, denn die Person stellte sich breitbeinig über meinen Hund, sodass er zwischen den Füßen der wohl gemerkt fremden Person lag. Ihr kennt ja vermutlich die Busfahrer, manche sind recht rabiat, und da passiert es zumindest mir, dass ich manchmal den Fuß woanders hinstellen muss, um nicht hinzufallen, und ich würde mich nicht wohl fühlen, wenn ich meinen eigenen Hund zwischen den Füßen hätte, geschweige denn einen fremden. Ich machte die Person darauf aufmerksam, dass das, was sie gerade tat, keine gute Idee war, und sie stellte sich woanders hin.

Ein andermal saß ich mit einer Freundin draußen in einem Café. Ich hatte meinem Führhund das Geschirr abgenommen, weil es ein längerer Aufenthalt war und ich wollte, dass er sich ein bisschen ausruhen kann. Jedenfalls tauchte da ein Mann mit einem etwa 2jährigen Mädchen auf, ging auf meinen Hund zu, kniete sich daneben und sagte: Schau mal, du kannst den Hund streicheln. Äh ja nee, is klar. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es für den Vater ersichtlich war, dass es sich um einen Führhund handelte, falls ja, dann hatte er wohl auch die Decke mit Führhundsymbol an, die ich im Freilauf benutze, aber ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls sagte ich zu ihm, dass es keine gute Idee sei, einen wildfremden Hund einfach anzufassen, vor allem mit Kind nicht, er wisse schließlich nie, wie das Tier reagieren würde. Darauf die Antwort des Vaters: Das ist ein braver Hund, das sehe ich schon. Ich erklärte, dass ich nicht schuld sein wolle, wenn es gebissen werde. Ich weiß nicht mehr, wie das Ganze ausging. Mein Hund hat sich jedenfalls erstaunlicherweise nicht gerührt, obwohl er Männer nicht besonders mochte. Fangfrage: Was hat das Kind gelernt?

Meine dritte Anekdote ist meine Lieblingsanekdote: Ich saß an der Bushaltestelle und wartete auf meinen Bus. Mein Hund saß vor mir zwischen meinen Beinen. Neben mir befand sich eine ältere Dame. Irgendwann legte ich meinem Hund die Hand auf den Kopf und entdeckte eine fremde Hand, die ihn streichelte. Ich bat höflich darum, dies zu unterlassen, und erklärte, dass mein Hund arbeiten müsse und ihn so etwas leicht von seiner Aufgabe ablenken könne. Die Dame entschuldigte sich und nahm die Hand fort. Nach einiger Zeit legte ich wieder meine Hand auf den Kopf meines Hundes – ich hatte schon einen Riecher für ignorante Seelen – und tatsächlich befand sich die fremde Hand wieder dort. Da wurde ich dann etwas patzig und sagte, sie solle die Hand sofort weg nehmen. Und dann heißt es, wir Behinderten seien unhöflich.

Blindenführhund – was bedeutet das?

Mein Führhund, ein deutscher Schäferhund, ist inzwischen im Ruhestand und lebt bei einer tollen Familie. Es ist hochinteressant, wie derselbe Hund, der zuvor von allen Leuten hemmungslos angefasst, angesprochen und bedrängt wurde, jetzt angefeindet wird aufgrund seiner Rasse und der damit verbundenen angeblichen Gefährlichkeit. Was macht also das Etikett Blindenführhund mit den anderen Leuten?

Unter einem Blindenführhund versteht man im Allgemeinen einen braven, wohl erzogenen, stressresistenten Hund, der in allen Lebenslagen die Ruhe bewahrt und seinen Besitzer hoch konzentriert von A nach B führt, egal, welche Hindernisse sich ihm in den Weg stellen. Er hat ein ruhiges, freundliches, offenes Wesen und kommt mit allen Menschen gut aus. In der Regel ist dem auch so, und natürlich sollte er gut ausgebildet und wohl erzogen usw. sein. Aber nichtsdestotrotz ist ein Hund eben ein Hund – Canis Lupus Familiaris im Fachjargon. Canis Lupus ist der Wolf, und jeder weiß, dass der Haushund von ihm abstammt. Eigentlich weiß auch jeder, dass ein Hund ein Jäger und Beutegreifer, oder schlicht und einfach ein Raubtier ist, und ein Blick in den Fang eines Hundes verrät, dass da ziemlich fiese Zähne drin sind, die böse weh tun können.

Trotzdem scheinen viele die letzt genannten Tatsachen zu vergessen, wenn sie auf einen Blindenführhund treffen. Als ob das Etikett Blindenführhund ein Freifahrtschein für alle wäre, die schon immer mal einen braven Hund streicheln wollten.

Häufig wird dabei auch vergessen, dass der Blindenführhund einen anstrengenden Job hat. Er muss dafür sorgen, dass wir von A nach B kommen, ohne uns zu verlieren, zu stolpern, uns zu stoßen oder gar zu stürzen. Stellt euch nun vor, ihr sitzt über einer wichtigen Arbeit, schreibt vielleicht einen Artikel, schraubt einen komplizierten Gegenstand zusammen oder was auch immer ihr arbeitet. Und dann kommt ständig jemand und quatscht euch an: Magst du einen Kaffee mit mir trinken? Könntest du mir bitte den Radiergummi reichen? Das Telefon klingelt, könntest du bitte dran gehen? Warum hast du meine EMail noch nicht beantwortet? Usw. usw. Wie gut, glaubt ihr, könnt ihr euere Arbeit fortsetzen, wenn so etwas ständig passiert? Nicht besonders gut, vermute ich. Das geht den Hunden ebenso. Wenn sie arbeiten, sollen sie alles ignorieren, was sie interessant finden. Sie müssen Artgenossen links liegen lassen, dürfen keinen Tieren nachblicken, idealerweise lassen sie auch die Pommes am Boden unberührt, weil sie etwas anderes tun müssen. Zusätzlich kommen dann ständig irgendwelche wildfremden Leute, die sie betatschen, sie ansprechen, ihnen Befehle geben, ihren Bewegungsfreiraum einschränken, ihnen Wurstbrote vor die Nase halten, ihre schlecht erzogenen Köter heranstürmen lassen … (ungelogen alles schon erlebt) An dieser Stelle sollte jeder für sich die Frage prüfen: Muss das wirklich sein?

Auch Hunde wehren sich

Man mag es nicht glauben, aber auch Blindenführhunden kann das zu viel sein. Sie können sich allerdings nur auf ihre hündische Art wehren, z. B. durch ihre Körpersprache, durch Lautäußerungen, wenn die Körpersprache ignoriert wird, z. B. Knurren oder Bellen, und wenn das nix nützt, können sie auch nach vorne gehen. Spätestens hier springen die Leute dann erschrocken zurück und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Natürlich sollte es nicht zu so einer Situation kommen, aber es kann. Ebenso wie ich keinen Blindenführhund kenne, der in seiner freien Zeit, d. h. wenn er nicht arbeitet und sein Führgeschirr an hat, nicht mal irgendeinen Quatsch macht, sei es einer Katze nachjagt, irgendwelchen Mist auffuttert oder mal in eine Rauferei mit einem anderen Hund gerät. So ist das eben. Deshalb ist es ein Hund und kein Roboter.

Einige einfache Verhaltensregeln

Damit wir alle besser miteinander auskommen, hier einige Verhaltensregeln, die übrigens auch für alle anderen Hunde gelten:

  1. FRAGEN! Egal, was ihr wollt, fragt einfach vorher nach. Damit vermeidet ihr Schwierigkeiten, Frust und Ärger auf beiden Seiten.
  2. Ein Blindenführhund, der sein Führgeschirr trägt, sollte grundsätzlich tabu sein für Ansprache, Anfassen oder sonstiges. Lasst Hund und Halter idealerweise ein bisschen Platz, denn beide haben eine Individualdistanz, deren Unterschreitung ihnen zumindest Unbehagen bereiten kann. Falls ihr etwas wissen wollt, sprecht den Führhundhalter an und fragt. Er entscheidet, ob er ggf. eine Ausnahme macht und euch den Hund streicheln lässt.
  3. Wenn ihr einem Führhundhalter helfen wollt über die Straße zu kommen oder einen unbekannten Weg zu finden, fragt, wie er das am liebsten haben möchte. Normalerweise beherrschen die Führhunde den sog. „Folgen“ Befehl, um anderen Menschen hinterher zu gehen. Der Halter erklärt euch das genaue Vorgehen. Fasst bitte auf keinen Fall ins Führgeschirr. Das verwirrt den Hund und ärgert den Halter.
  4. Stellt euch im Bus oder sonstwo nicht über einen liegenden Hund. Ihr kennt das Tier nicht und wisst nicht, wie es reagieren wird, auch wenn es gut ausgebildet sein dürfte.
  5. Wenn ihr selbst mit einem Hund unterwegs seid, nehmt ihn an die Leine, so nicht bereits geschehen, haltet ihn bei Fuß, idealerweise auf der dem Führhund abgewandten Seite, sodass die Tiere möglichst weit voneinander getrennt sind. Falls ihr eueren Hund nicht gut bei Fuß bändigen könnt, wechselt bitte die Straßenseite. Das hilft beiden Hunden.
  6. Starrt einem Hund nicht in die Augen. Dieses Fixieren erlebt er mitunter als Bedrohung.
  7. Wenn ihr ihn streicheln dürft und der Halter nichts weiter gesagt hat, geht in die Hocke, dass ihr auf seiner Höhe seid, und nähert euch von der Seite. Idealerweise ist der Hund derjenige, der sich euch als erster nähert.
  8. Regeln 1-7 gelten auch für einen Blindenführhund ohne Geschirr!

Fazit

Der Umgang mit Führhunden ist eigentlich ganz leicht, wenn man ein paar Regeln beherzigt und seine eigenen Bedürfnisse denen von Hund und Halter unterordnen kann. Ein Gespräch führt oft eher zu dem, was man gerne möchte, als ein unbefugtes Agieren. Das obige Regelwerk ist wahrscheinlich noch nicht vollständig und wird von mir ggf. noch ergänzt werden, aber eigentlich braucht ihr euch nur an Regel 1 zu halten, dann geht alles gut. In diesem Sinne auf eine gute gemeinsame Koexistenz.∏

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