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In meinem letzten Beitrag habe ich bereits die Schwierigkeiten geschildert, die ein Behinderter beim Beantragen einer Arbeitsassistenz hat. Heute geht es um noch problematischere Verhältnisse, nämlich für uns Psychotherapeuten in Ausbildung. Denn wir haben kein Recht auf eine Assistenz, oder?

Therapieausbildung meistern – auch für Sehende nicht ganz leicht

Wer nach dem Psychologiestudium Therapeut werden möchte, weiß i. d. R., dass das alles andere als ein Zuckerschlecken ist. Man muss ein Ausbildungsinstitut finden, das den eigenen Bedürfnissen entspricht, und im besten Falle hat man schon etwas Geld zur Seite gelegt, denn die Ausbildung ist sehr teuer. Zwischen 18.000 und 24.000 Euro kostet sie im Durchschnitt, je nachdem, welches Ausbildungsinstitut und -modell man gewählt hat. Es gibt im Laufe dieser Ausbildung außerdem zwei praktische Ausbildungsabschnitte, die ihre eigenen Probleme mit sich bringen.

Praktische Tätigkeit. Hier wird man unter Anleitung an die Behandlung von Patienten herangeführt und mit verschiedenen Störungsbildern vertraut gemacht. Ein Teil dieser Ausbildung muss in einer psychiatrischen Klinik absolviert werden (man kann auch alles dort machen), und gerade in Großstädten verdient man für die getane Arbeit, die weiß Gott nicht nur aus Hospitieren und Lernen besteht, keinen Cent oder nur ein geringes Taschengeld. Man bedenke: Wir haben schon einen Studienabschluss, aber wenn wir als Diplom-Psychologen (oder Master) angestellt werden, wird die geleistete Arbeit von der Prüfungsstelle oft nicht anerkannt.

Praktische Ausbildung. In diesem Abschnitt behandelt man ambulant Patienten unter Supervision (= Überwachung). Je nach Ausbildungsinstitut erhält man einen bestimmten Prozentsatz des Honorars, das die Krankenkasse für die erbrachten Leistungen bezahlt. Man kann damit schon Geld verdienen, ist aber freiberuflich beschäftigt und nicht fest angestellt. Je nach dem, wie viel Geld man bekommt, kann es auch recht schwierig sein, ausreichend Geld zu verdienen, um den eigenen Lebensunterhalt einigermaßen finanzieren zu können. Aber es ist möglich.

Implikationen für den Nachteilsausgleich

Was bedeutet das nun für uns? Ich kann hier ausschließlich von Erfahrungen im bereich Blinde / Sehbehinderte sprechen, da ich mich mit anderen Behinderungen nicht gut auskenne und nicht weiß, inwiefern sie Assistenz- und Ausgleichsbedarf haben.

Praktische Tätigkeit. Häufig ist das Einkommen so gering, dass man nicht sozialversicherungspflichtig angestellt ist. Damit entfällt eine wichtige Voraussetzung für einen Ausgleich, nämlich, dass man seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Allerdings steht man dem Arbeitsmarkt auch nicht zur Verfügung (80% oder vollzeit sind häufig), und zusätzlich befindet man sich auch noch in einer Ausbildung. Das bedeutet im Klartext, dass wir keinerlei Anrecht auf Hilfsmittel oder Assistenz haben. Wir müssen also mit dem geringen Einkommen nicht nur irgendwie überleben und unsere Ausbildung finanzieren, sondern wir müssen auch noch unseren Arbeitsalltag ohne Assistenz managen oder eine Assistenz selber bezahlen.

Arbeit ohne eine Bildschirmauslesesoftware in einer Klinik ist quasi unmöglich. Manche IT-Abteilungen erlauben die Installation einer Demoversion, sodass man 40 Minuten am Stück arbeiten kann, bevor man den Computer neu starten muss. Davon abgesehen sind die Akten in Kliniken häufig immer noch handschriftlich verfasst und dadurch haben wir keinen Zugriff darauf. Aber auch wenn man eine sozialversicherungspflichtige Stelle bekommt, ist das noch kein Garant dafür, dass man wirklich problemlos eine Assistenz bekommt. Dazu weiter unten gleich mehr.

Praktische Ausbildung. Hier ist es genau derselbe Mist. Man muss Diagnostik machen, d. h. Fragebögen ausfüllen lassen und auswerten, Anträge schreiben, Formulare ausfüllen, Befundberichte lesen, die Abrechnung eingeben – alles ohne irgendein Hilfsmittel oder eine Hilfsperson. Steht man dem Arbeitsmarkt zur Verfügung? Na ja, bedingt. Man kann die Arbeitszeit so verteilen, dass man z. B. irgendwo eine Teilzeitstelle annehmen kann. Hier sind wir aber wieder mit den Problemen konfrontiert, die Behinderte im Allgemeinen bei der Stellensuche haben. Dass hier Erschwernisse gegenüber gesunden Kollegen bestehen, habe ich anderenorts schon kurz geschildert. Davon abgesehen bleibt auch bei einer zusätzlichen Stelle das Problem, dass die freiberufliche Arbeit nicht ohne größere Hürden bewältigt werden kann.

Die beiden Ausbildungsabschnitte werden als Pflichtpraktika gehandhabt, ohne die wir nicht zur Approbationsprüfung zugelassen werden. Das SGB IX regelt das Recht auf Arbeitsassistenz_1 und laut dem Handbuch für Arbeitsassistenz_2 haben Behinderte auch im Rahmen von Ausbildungen bei Pflichtpraktika Anspruch auf Arbeitsassistenz und Arbeitsplatzausstattung, was im Amt aber offenbar nicht immer interessiert.

Die Argumentation der Ämter

Bevor ich das hier schreibe, möchte ich anmerken, dass ich sowohl für meine sozialversicherungspflichtige Stelle praktische Tätigkeit, als auch für meine freiberufliche Tätigkeit in der praktischen Ausbildung Assistenz genehmigt bekommen habe, wofür ich einerseits sehr dankbar bin, andererseits aber durchaus auch denke, dass ich im Recht war und meine Forderung angemessen gestellt habe (Voraussetzungen waren erfüllt). Leider hatten viele meiner blinden Kollegen in der Vergangenheit nicht so viel Glück.

Das beliebteste Gegenargument scheint zu sein, dass wir uns ja in einer „Zweitausbildung“ befänden und daher kein Recht auf Unterstützung hätten. Dies ist aber grober Unfug. Das Psychotherapeutengesetz_3 schließt das Berufsausbildungsgesetz sogar explizit aus (nachzulesen in §7). Da heißt es, dass das Berufsausbildungsgesetz für diese Ausbildung nicht greift.

Korrekt ist, dass wir einen Abschluss als Diplom-Psychologen bzw. Psychologen M. Sc. haben. Dieser Abschluss befugt uns aber mitnichten, im klinischen Bereich tätig zu sein. Wir dürfen beraten, aber nicht behandeln. Wenn wir dies tun möchten, müssen wir die o. g. Ausbildung absolvieren und mit Approbation abschließen. Das ist ein bisschen wie eine Facharztausbildung, nur dass der Mediziner seine Approbation schon mit Beendigung seines Studiums erhält. Wir nicht.

Das zweitbeliebteste Argument scheint zu sein, dass wir ja auch ohne Therapieausbildung eine Anstellung finden könnten. Wenn das so einfach wäre! Wer im klinischen Bereich arbeiten möchte, muss früher oder später die Ausbildung machen, einfach, weil es in fast allen Stellenausschreibungen (auch von Beratungsstellen) erwartet wird. Tatsächlich heißt es dort oft in etwa: „Voraussetzung ist eine begonnene Therapieausbildung oder das Interesse, eine solche zu beginnen“. Oder aber, was ebenso häufig vorkommt: „Voraussetzung ist eine fortgeschrittene Therapieausbildung“. Wer das nicht glaubt, kann gerne bei Hogrefe unter PsychJob die Stellenausschreibungen angucken.

Wir könnten ja auch in einem anderen Feld arbeiten. Könnten wir, natürlich, aber wenn jemand eine Ausbildung beginnt, dann ist doch naheliegend, dass er das nicht möchte. Ich sage zu einem Mediziner ja auch nicht: „So, du hast dein Studium abgeschlossen, aber einen Facharzt kannst du nicht machen. Geh doch in die Forschung“. Das ist absurd. So haben wir zwar freie Berufswahl, aber wenn wir uns auf den steinigen Weg zum Therapeuten begeben, werden wir oft alein gelassen.

Ich frage mich warum. Wie bereits mehrfach beschrieben, haben wir auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Karten. Die Arbeitslosenquote unter Behinderten liegt bei ca. 15%, während sie sich bei nicht Behinderten auf ca. 6,5 % beläuft (Stand: November 2012)_4. Gleichzeitig hat der Beruf des Psychotherapeuten gute Zukunftsaussichten. Das zeigen nicht nur die vielen Stellenausschreibungen in dem Bereich, sondern auch die 500 Patienten, die allein im Jahr 2013 bei uns in der Ambulanz auf die Warteliste aufgenommen wurden. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Behinderter mit Therapieausbildung später einen Job haben wird.

Auch wenn jemand eine praktische Tätigkeit annimmt, bei der er nicht bezahlt wird, ist er vom Arbeitsmarkt weg und sammelt wertvolle Berufserfahrungen, die später dazu beitragen werden, dass er erneut einen Job, diesmal einen bezahlten, findet. Bekommt er keine Hilfen, wird es ihm schwer fallen, überhaupt eine Stelle zu finden. Welcher Arbeitgeber bindet sich schon gerne einen Behinderten ans Bein, der ständig Hilfe braucht und vieles nicht selbständig erledigen kann? Die Folge wird Arbeitslosigkeit sein, zumindest unnötig verlängerte, bis die Person eine sozialversicherungspflichtige Stelle findet. Und selbst dann soll es schon Probleme gegeben haben, wo wieder das Argument mit der Zweitausbildung herangezogen wurde, um nicht zahlen zu müssen.

Fazit

Psychotherapeuten in Ausbildung haben nur begrenzt das Recht auf eine Arbeitsassistenz. Und selbst wenn sie das Recht darauf haben, werden sie manchmal mit absurden Argumentationen ins Bockshorn gejagt. Dies ist völlig unverständlich, da es das erste Ziel sein sollte, Behinderte vom Arbeitsmarkt wegzuholen. Und noch unverständlicher ist es, weil approbierte Psychotherapeuten sehr gute Arbeitsaussichten haben, sodass das Geld in einen Auszubildenden eigentlich gut investiert ist.

Quellen

  1. Sozialgesetzbuch, neuntes Buch. Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen, § 102, Abs. 4. http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_9/__102.html . Aufgerufen am 27.09.2014.
  2. Bundesarbeitsgemeinschaft für unterstützte Beschäftigung – BAG UB e.V. (Hrsg.): Handbuch Arbeitsassistenz. Ergebnisse eines Projektes (Seite 12). www.bag-ub.de/publikationen/handbuch-arbeitsassistenz.pdf . Aufgerufen am 27.02.2014.
  3. Psychotherapeutengesetz, § 7. http://www.gesetze-im-internet.de/psychthg/BJNR131110998.html . Aufgerufen am 27.02.2014.
  4. DGB – Bundesvorstand (04/2012): Arbeitsmarktstudie: Weiterhin hohe Barrieren für behinderte Menschen. http://www.dgb.de/themen/++co++788ccb2e-3d26-11e2-ad50-00188b4dc422 . Aufgerufen am 27.02.2014.
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