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Heute muss ich mal ein bisschen mit uns Blinden ins Gericht gehen. Ich weiß, in dem Wort „Rücksichtnahme“ ist das Wort Sehen versteckt, genau genommen zurücksehen, aber sind wir deshalb davon entbunden, weil wir nicht sehen? Hoffentlich nicht!

Letztens berichtete mir eine Freundin von folgender Situation: Als sie gerade über den Bahnhofsplatz ging, der ziemlich voll war, beobachtete sie eine blinde Person, wie sie den Rest einer noch glimmenden Zigarette wegwarf. Das Besondere daran ist, dass sie die Zigarette nicht etwa in einen Mülleimer oder ähnliches geworfen hätte, sondern einfach irgendwo auf den Platz. Eine Person erwischte sie bei diesem Manöver glücklicherweise nicht.

Eine andere Situation erlebte ich selbst an einer Bushaltestelle. Ich stand etwas vor dem Bushäuschen und wartete auf meinen Bus, als plötzlich von hinten links eine Person mit einem Wägelchen oder etwas dergleichen vorbeirollte. Ich kann nicht genau sagen, was es für ein Gefährt war. Ich kann nur sagen, dass es ziemlich unangenehm war, als mir die Räder in die Hacken rollten. Ich versuchte noch zur Seite zu gehen, aber da war die Person schon wieder weitergefahren. Ich weiß noch, dass ich irgendeinen Laut von mir gab, der deutlich machte, dass die Räder nicht eben schmerzfrei über mich hinweggefahren waren, aber die Person fuhr weiter. Ich rief dann noch „Wie wär’s mal mit Entschuldigung!“ hinterher, weil ich wirklich sauer war, aber die Person antwortete nichts, sondern verschwand mit ihrem Wägelchen. Eine ältere Dame, die mit mir an der Bushaltestelle stand, kommentierte das Geschehene mit den Worten: „Die Frau war auch blind.“ – „Darf man deshalb seine gute Kinderstube vergessen oder was?“, fragte ich zurück.

Und das ist auch die Frage, die ich heute stellen möchte. Dass die Frau mit dem Wägelchen blind war, hat die Situation nicht gerade besser gemacht, eher verschlimmert. Ich kenne das ja selber, man muss irgendwo hin, da sind Leute, man haut die mit dem Stock oder schubst sie. So ist das eben bei uns. Wir machen das in der Regel nicht mit Absicht. Das hoffe ich zumindest.

Aber habe ich das Recht meine halb gerauchte Zigarette in die Menge zu werfen? Frei nach dem Motto „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, oder besser „Was ich nicht seh, tut mir nicht weh“? Nehme ich in Kauf, dass andere Leute sich vielleicht verletzen oder zumindest schmutzig werden, weil ich zu bequem oder was auch immer bin, zum Mülleimer zu gehen und meine Zigarette zu entsorgen? Darf ich Leuten über die Füße fahren, sie schubsen oder anderswie in Gefahr bringen, und dann einfach weitergehen, ohne zu fragen, ob alles in Ordnung ist oder mich zumindest zu entschuldigen? Wer gibt mir das Recht dazu? Meine Blindheit?

Bitte denkt immer daran, wir erwarten von den Sehenden auch Rücksichtnahme. Aus meiner Sicht ist es deshalb unsere Pflicht, dass auch wir versuchen, Rücksicht auf andere zu nehmen, soweit uns das eben möglich ist. Dazu gehört, dass man sich entschuldigt, wenn man jemanden stößt, dass man seinen Müll dort entsorgt, wo er hingehört, und dass man miteinander redet, wenn z. B. Leute im Weg stehen und man keinen anderen Weg um sie herum gehen kann. Die gute Kinderstube eben. Eigentlich nichts, worüber ich groß schreiben muss. Sicher hat der aufmerksame Leser das Schlagwort Inklusion in diesem Artikel gesehen und fragt sich vielleicht, was das mit dem Thema zu tun hat? Ganz einfach: Für mich gehört Rücksichtnahme zu Teilhabe an oberster Stelle mit dazu. Sind wir doch mal ehrlich, wer will schon viel mit einem rücksichtslosen Menschen zu tun haben?

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