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Abendessen im Dunkeln – das gilt heutzutage als Event. Dabei werden Menschen, die normal sehen, in einen dunklen Raum gesteckt und müssen etwas essen, das ihnen vorher nicht beschrieben wird. Aber wie viel hat das mit der Realität eines blinden Menschen zu tun?

Letztens war ich Essen. Ich bestellte gefüllte Zucchini mit buntem Gemüse. Da die Füllung auf der Karte nicht aufgeführt war, fragte ich, worum es sich handelte, und erhielt die Antwort, heute sei es Hirse. Na gut, dachte ich, kann nicht verkehrt sein. Als das Essen dann kam, war ich doch etwas überrascht und auch irritiert, denn natürlich isst auch beim blinden Menschen das Auge mit. Oder vielmehr das Gehirn, das eine bestimmte Erwartung an das Essen hat. So stellte ich mir eine ganze Zucchini vor – oder eine quer halbierte. Darin sollte der Reis sein und das ganze müsste in einer Sauce, vorzugsweise Tomatensauce, liegen. Denn so oder ähnlich mache ich mir meine Zucchini immer zu Hause.

Leider hatte das Essen nur wenig mit meiner Vorstellung zu tun. Rechts und links auf dem Teller lagen zwei runde Dinger, vermutlich die Zucchini, und in der Mitte befand sich das Gemüse. Letzteres war ganz ok, außer dass ich bei einigen Zutaten nicht wusste, worum es sich handelte. Eigentlich bin ich ganz gut darin, Gemüse zu schmecken, aber ich kenne auch nicht jedes Gemüse. Es gab also Karotten und Blumenkohl und einzelne Auberginenscheiben und Paprika. Außerdem gab es dann noch etwas von seltsamer Konsistenz, das auch seltsam schmeckte und mich entfernt an mein nicht allzu gutes Rosenkohlerlebnis aus der Kindheit erinnerte. Vermutlich war es Rosenkohl, und erfreulicherweise schmeckte er gar nicht mehr so widerlich, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Trotzdem.

Die Sauce war übrigens keine Tomatensauce. Nun könnte man argumentieren, dass das ja auch nicht auf der Karte stand. Stimmt. Allerdings stand da auch nicht, dass die Zucchini von einer dicken Kruste überzogen sein würden, die ich so gar nicht identifizieren konnte. Wahrscheinlich handelte es sich um Käse, aber es schmeckte auch etwas nussig, und ich wusste nicht, ob da nun auch Nüsse drin waren, oder ob es sich einfach um nussigen Käse handelte. Kürbiskerne konnte ich immerhin im Laufe des Essens noch identifizieren, aber insgesamt hatte ich ein recht seltsames Gefühl beim Essen. Ich kam mir vor, als würde ich auf dünnem Eis wandeln und wüsste nicht, wo ich meinen Fuß hinsetzen darf. Frei nach dem Motto: Ob auf der nächsten Gabel was Komisches oder gar Ekliges drauf ist?

Ist das ein Event, das man erleben möchte? Keine Ahnung. Ich brauch das jedenfalls nicht so schnell wieder. Und eigentlich hat es auch nur wenig mit der Realität zu tun, denn in den meisten Fällen stimmt das, was auf der Karte steht, in etwa mit den eigenen Erwartungen überein. Wenn da steht gemischter Salat, dann besteht derselbige meistens aus grünem Salat, Gurken und Tomaten, manchmal auch Paprika, seltener noch Krautsalat und / oder Karottenstreifen. Wenn auf der Karte Kässpätzle steht, dann handelt es sich meistens um kleine längliche weiche Teigstücke mit Käse, der entweder zerlaufen oder richtig überbacken ist. Und so weiter und sofort. Natürlich kommt es auch öfter vor, dass mal eine oder zwei Zutaten drin sind, die man nicht erwartet, z. B. Oliven in einem Salat o. ä., aber das lässt sich gut verschmerzen, wenn es Zutaten sind, die man selber kennt oder die gut schmecken. Und wenn mal was dabei ist, das nicht schmeckt, ist es auch nicht schlimm.

Deshalb frage ich mich manchmal schon, warum Essen im Dunkeln überhaupt angeboten wird, zumindest ohne die Möglichkeit, das Essen selbst auszusuchen. Das schwierige am Essen ist aus meiner Sicht das Handwerk selber. Mit Suppe oder Eintopf kommt man ja noch irgendwie klar, Löffel in den Mund und gut ist, aber es gibt viele Speisen, die nicht leicht zu bewältigen sind. Ich persönlich kann z. B. keinen Fisch zerlegen oder Crêpes schneiden oder Pizza zerteilen. Letztere kann man meistens immerhin noch mit den Fingern essen, aber vornehm ist das dann natürlich nicht mehr. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und ist sicher von Mensch zu Mensch unterschiedlich bestückt. Ich kenne allerdings niemanden, der ins Restaurant geht und sagt: „Heute habe ich Lust auf Fleisch. Bringen Sie mir bitte einfach irgendwas.“

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