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Ein Brief hier, ein Formular dort, ein Bescheid da – Im Papierkrieg wird mit harten Bandagen gekämpft, und nicht selten habe ich das Gefühl, auf der Verliererspur zu sein. Dabei wäre es so einfach, die Papierflut ein wenig einzudämmen und den blinden Menschen das Leben zu erleichtern.

Hat sich schon einmal jemand gefragt, was eigentlich passiert, wenn man als blinder Mensch 5 Umschläge aus der Post zieht, vielleicht auch noch 5, die sich genau gleich anfühlen? Nein? Doch? Vielleicht? Klar dürfte sein, dass man mit dem Papier zunächst nicht viel anfangen kann. Bis vor wenigen Jahren musste man für jeden Brief erst mal seinen Computer hochfahren und den Scanner anschmeißen – ja, natürlich gab es auch ein Zeitalter davor, aber darüber reden wir jetzt lieber nicht 🙂 Denn auch das Einscannen der Post kann mitunter ziemlich lästig sein. Man muss natürlich jeden Brief einzeln einscannen um nachzusehen, was drin steht. Manche Briefe sind doppelseitig beschrieben, was man natürlich erst einmal nicht weiß. Es kann also vorkommen, dass man liest und sich denkt: Komisch, hier fehlt doch was. Danach muss man dann den gesamten Brief nochmals einscannen oder aber die fehlenden Seiten scannen und sich danach mit der Seitenreihenfolge herumärgern.

Aber nicht nur Briefe sind ein Problem. Auch andere Unterlagen wie Seminarunterlagen, auszufüllende Formulare, Flyer und nicht zuletzt das gute alte handschriftlich beschriftete Zettelchen der Post, das einen über die Ankunft eines Pakets informiert, können ziemlich lästig werden. Während meines Studiums und meiner Therapieausbildung ist es mir weitgehend gelungen, die Dozenten dazu zu bringen, mir Unterlagen elektronisch zukommen zu lassen. Trotzdem hat dies nicht immer (rechtzeitig) geklappt, sodass ich einige Papiere trotzdem mitnehmen und scannen musste. Besonders nett: Ich stecke sie in meine Tasche, und wenn ich zu Hause angekommen bin, weiß ich nicht mehr, in welche Richtung die Vorderseite zeigt und ob das obere Ende des Dokuments auch wirklich oben zu finden ist. Daher habe ich auch schon öfter mal Dokumente falsch herum gelocht und eingeheftet.

Lässt man Post ohne Umschlag liegen, weiß man irgendwann leider auch nicht mehr, wierum die Briefe gehören, vor allem, wenn man sie einmal aus Versehen vom Tisch gefegt hat. Ein Anhaltspunkt ist dann meist die Faltung des Briefs, aber auch da kann man die Rückseite erwischen und tut unnötig lange herum. Besonders nett sind auch die dicken Briefe, wo mehrere verschiedene Dokumente drin sind. Meist liegt ein Schreiben bei, in dem diese gelistet sind, es ist mir allerdings schon passiert, dass die gelistete Reihenfolge nicht der Reihenfolge im Umschlag entsprach und ich deshalb meist froh war, alles noch einmal geprüft zu haben.

Neben der eigenen Ordentlichkeit und Disziplin beim Sortieren von Briefen wäre es hilfreich, wenn auch die sehenden Menschen das eine oder andere beherzigen würden, sofern sie über das Vorliegen einer Sehbehinderung Bescheid wissen. Vom Finanzamt bekomme ich beispielsweise häufig Briefe, die bereits gelocht sind. Anhand der Lochung und der Faltung weiß ich dann in der Regel, wie rum das Papier gehört und kann es leichter abheften. Das ist dann hilfreich, wenn ich etwas nur noch ablegen muss, weil mir vielleicht vor ein paar Tagen schon mal jemand vorgelesen hat, was drin steht. Hilfreich ist es auch, wenn mehrere Papiere oben links zusammengetackert sind. Bei mehreren Blättern ist es gut, wenn die Reihenfolge in einem Anschreiben aufgezählt wird und die Blätter auch in dieser Reihenfolge im Umschlag liegen. Aber am schönsten ist es zumindest für mich, wenn man alles barrierefrei und elektronisch abwickeln kann.

Das Gleichstellungsgesetz besagt, dass wir ein Recht auf barrierefreie Dokumente in Verwaltungsverfahren haben. Dazu zählen Formulare, Vordrucke, Merkblätter und Bescheide. In der Theorie ist dies sehr schön. Die Realität sieht jedoch anders aus. Wenn ich irgendwo falsch parke, erhalte ich in 90% der Fälle einen Strafzettel. Das Gesetz wird sofort umgesetzt. Wenn ich aber mit einem Amt zu tun habe, kommt niemand auf mich zu und sagt: „Hey, Sie sind ja blind, wie möchten Sie Ihren Bescheid denn gerne haben?“ Im Gegenteil wird die Gesetzeslage hier häufig ignoriert. Natürlich rede ich jetzt nicht von den Verfahren, wo die andere Person gar nicht weiß, dass ich blind bin. Ich rede von Ämtern, die das wissen, weil es aus meinen Anträgen hervorgeht, z. B. das Arbeitsamt oder das Integrationsamt. Ich habe dort schon mehrfach Dinge beantragt, kenne die Sachbearbeiter. Trotzdem ist keiner von denen auf mich zugekommen und hat mich gefragt, wie ich meinen Bescheid denn gerne haben möchte. Ich fände es in Zukunft daher schön, wenn ich selber zur Polizei gehen und meinen Strafzettel einfordern müsste.

Ja, ich bin darüber manchmal sehr sauer. Und ja, ich erwarte, dass die Sachbearbeiter von sich aus auf mich zukommen, denn ich bin nicht auf den Good Will des Beamten angewiesen, sondern ich habe das Recht auf zugängliche Verwaltungsverfahren. Also her damit!

In der Vergangenheit habe ich sehr gemischte Erfahrungen mit Ämtern gemacht. Die deutsche Rentenversicherung hat auf Anforderung kontinuierlich alle folgenden Bescheide in Punktschrift an mich verschickt. Schade war hier, dass die Bescheide in getrennter Post ankamen. Dadurch musste ich mich dann doch wieder mit dem Papier herumschlagen. Aber davon abgesehen war das sehr komfortabel.

Das BAFÖG-Amt hingegen war recht unhöflich. Ich hatte einmal einen Bescheid bekommen, in welchem u. a. stand, dass ich um 40 Euro überzahlt worden war und diese zurücküberweisen sollte. Dies hatte die Person, die mir vorgelesen hatte, leider übersehen. Daraufhin erhielt ich einen Bußgeldbescheid, worin stand, dass ich ein Ordnungsgeld von 1200 Euro bezahlen müsse – das muss man sich auch erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Auf jeden Fall fiel mir damals zum ersten Mal ein, dass ich ja ein Recht auf meine Bescheide hatte, was ich auch einforderte. Der Beamte gab zur Antwort, dass ich ihm doch zuerst mal die Paragraphen in Gesetz und Rechtsverordnung zuschicken sollte, vorher sehe er sich zu nichts verpflichtet.

Mein neues Projekt lautet aktuell mal wieder: Bescheide einfordern. Seit der Sache mit dem BAFÖG-Amt sind inzwischen 8 Jahre vergangen, und man merkt, dass die Bereitschaft, die Bescheide barrierefrei anzubieten, deutlich größer ist. Das Integrationsamt ist meiner Forderung innerhalb von zwei Wochen nachgekommen, und auch das Antragsformular für Arbeitsassistenz ist dort weitgehend barrierefrei ausfüllbar, sogar mit Speicherfunktion.

Auch die Dame von der Arbeitsagentur war heute Morgen sehr bemüht und schickte mir den Bescheid umgehend zu. Leider war dieser überhaupt nicht barrierefrei. Es scheint sich um ein grafisches Pdf zu handeln. Aus dem Gespräch ging allerdings bereits deutlich hervor, dass die arme gar keine Ahnung hatte, welche Anforderungen ein barrierefreies Pdf erfüllen musste. Auch ie Formulare der Arbeitsagentur, die man anfordern kann, sind alles andere als zugänglich. Mein Eindruck ist, dass die meisten Menschen überhaupt nicht wissen, was ein zugängliches Dokument ausmacht, und damit auch weitgehend allein gelassen sind. Dies ist aber sehr schade, weil ein barrierefreies Pdf in den meisten Fällen relativ einfach erzeugt ist.

Mein nächstes Projekt ist das Finanzamt. Von denen habe ich erst kürzlich einen Lohnsteuerbescheid bekommen, den ich aber nicht gut lesen kann. Ich bin gespannt, denn auch hier habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Das Formular Management System des Finanzamts hat barrierefreie Formulare, die wirklich gut programmiert sind, sogar mit Export- und Importfunktion. Dafür ist die Anmeldung bei Elster zumindest für den Nutzer eines Mac Computers nicht barrierefrei möglich.

Fazit: Mir scheint, dass wir ein Recht auf barrierefreie Dokumente bei Behörden haben, gehört zu den Gesetzen, die irgendwo aufgeschrieben sind, derer sich die meisten Beamten aber überhaupt nicht bewusst sind. Deshalb ist es – zumindest zur Zeit – an uns, unser Recht beständig einzufordern. Damit sensibilisieren wir die Beamten für unsere Belange und werden es dann hoffentlich auch irgendwann mal erleben, dass einer sich noch dran erinnert und einen Bescheid selbständig in zugänglicher Form mit ausstellt.

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