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Das klingt ein bisschen wie „Kopflos durch die Stadt“, dabei war die Entscheidung zu diesem Schritt verhältnismäßig wohl überlegt. Ich meine, mein Schlüssel war in der Wohnung, mein Stock auch, also was tun?

Vorgeschichte

Freiwillig habe ich das Experiment „Stocklos durch die Stadt“ natürlich nicht unternommen. Ich bin vor kurzem in die Innenstadt gezogen. Es ist noch nicht alles eingerichtet und manches noch etwas chaotisch. Ich stecke mir meinen Schlüssel meistens in die Hosentasche, wenn ich z. B. kurz den Müll in die Mülltonne werfe. Manchmal lasse ich ihn aber auch einfach außen in der Tür stecken, denn die Tonne ist ja nur ein paar Schritte entfernt. Diesmal hatte ich den Schlüssel leider innen im Schloss stecken, und natürlich fiel mir das direkt ein, nachdem ich die Tür zugezogen hatte!

Erst einmal habe ich mich geärgert, weil mir das schon sehr lange nicht mehr passiert ist, und nachdem mir das in der alten Wohnung tatsächlich schon zweimal passiert ist, nahm ich bis dahin an, ich hätte aus meinem Fehler gelernt. Aber Unachtsamkeit bestraft das Leben, und jetzt galt es, eine gute Lösung zu finden.

Das Experiment

Ich setzte mich also auf die Treppe und begann, verschiedene Optionen abzuwägen. Meine Vermieterin hat ebenfalls einen Schlüssel und wohnt auch gar nicht so weit weg, aber natürlich hatte ich keinen Blindenstock dabei, denn den kurzen Weg zur Mülltonne schaffe ich auch ohne.

Ich dachte daran, meine Mutter anzurufen, die hat auch einen Schlüssel zu meiner Wohnung, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Ich wollte keine Umstände machen, und herumsitzen und warten ist nicht so mein Fall. Deshalb wollte ich also auch niemand anderen anrufen, um mich irgendwo hinfahren zu lassen. Geld für ein Taxi befand sich ebenfalls nicht in meiner Reichweite. Meine Vermieterin anzurufen und mir den Schlüssel bringen zu lassen war auch keine Option, weil sie dann ihre drei Kinder hätte einpacken müssen. Ich überlegte daher, ob ich den vergleichsweise kurzen Weg bis zu ihr auch ohne Stock bewältigen könnte.

Wäre die Sonne bereits untergegangen, hätte ich diese Frage klar mit ja beantworten können, da ich in der Dämmerung noch etwas sehe. Leider war es gerade Mittag. Aber immerhin hatte ich mein Handy dabei. Ich könnte eine Navigationsapp anwerfen, die mir sagt, wo die Kreuzungen sind, und wenn ich sehr langsam ging, würde ich mich vielleicht nicht überal stoßen. Immerhin kenne ich den Weg, zumindest zum Teil, sehr gut.

Ich entschied mich, das Wagnis einzugehen. Einmal BlindSquare angeschmissen und los ging’s. Bis zur Ecke der Straße war alles noch ziemlich easy, und auch danach kam ich insgesamt halbwegs gut zurecht. Der Weg ist angenehm eben. Es standen zwar Hindernisse herum, aber die kannte ich schon, und mangels Stock musste ich zu der Fledermausmethode greifen und mit den Fingern schnippen, um etwas von meiner Umgebung mitzubekommen. Das ging relativ gut. Ich konnte damit hören, wenn ein Hindernis in der Nähe war, wohingegen mir die genaue Ortung schon etwas schwer fiel. Ich war gefühlt im Schneckentempo unterwegs, aber besser das als ein paar gebrochene Gliedmaßen oder so was.

Unterwegs gingen jede Menge Leute an mir vorbei. Ich überlegte, ob ich nicht jemanden bitten sollte, ob er mich ein Stück mitnimmt, aber dann hätte ich erklären müssen, dass ich blind war und mich ohne Stock ausgesperrt hatte und überhaupt … das war mir peinlich. Deshalb ging ich allein weiter. An einer Querstraße kam von links ein Auto. Ich wartete darauf, dass es an mir vorbeifuhr. Dabei drang mir überdeutlich ins Bewusstsein, dass jetzt niemand sehen konnte, dass ich blind war. Ich fragte mich, ob man mir wohl anmerkte, dass ich irgendwie komisch unterwegs war, sehr langsam oder unsicher oder was auch immer. Schauten die Leute überhaupt genau genug hin? Was, wenn ich nun ein Auto nicht rechtzeitig kommen hörte. Jemand sagte mir vor kurzem, wenn man sich nicht ganz blöd anstellte, dann wäre bei einem Unfall immer der andere Schuld, nicht der Blinde. Das gilt allerdings natürlich nur für eine blinde Person mit Stock.

Als ich endlich den Markt erreichte, wurde es leichter. Meine blinde Arbeitskollegin hatte mir schon früher gesagt, dass es am besten sei, die Wasserrinne entlang zu gehen. Sie bietet Orientierung, und dort stehen in der Regel auch keine Hindernisse. Und so war’s dann auch. Ich lief also brav mitten in der Rinne und war froh, dass es in jüngster Zeit nicht geregnet hatte. Sonst wäre das mitunter ein recht nasses Vergnügen gewesen.

Nach dem Marktplatz wusste ich nicht mehr weiter. Ich wusste nur ungefähr, wo die Straße war, und jetzt noch die richtige Navigation mit Routenführung anzuwerfen, dazu hatte ich keine Lust. Deshalb fragte ich dann doch ein paar Leute. Ich hatte Glück, denn die Frau, die sich schließlich meiner annahm, kannte mich vom Sehen. Ich erklärte ihr meine Situation und sie meinte, sie hätte sich schon gewundert, wieso ich heute ohne Stock unterwegs sei. Leider kannte sie die Straße auch nicht, aber sie fand eine andere Person, die Google Maps bemühte und uns beide erhellte.

Das Experiment endete glücklich vor der Haustür meiner Vermieterin und mit Schlüssel. Und praktischerweise ist meine Vermieterin auch blind und konnte mir einen ihrer Ersatzstöcke leihen, sodass ich den Weg nicht wieder kopflos bzw. stocklos zurücklaufen musste.

Fazit

Es war wirklich interessant, das einmal auszuprobieren. Das eine ist das Wissen, dass man einen Weg gut kennt, aber das andere ist, dieses Wissen unter erschwerten Bedingungen abzurufen. Ich stellte insgesamt fest, dass ich gar nicht so lange gebraucht hatte, ohne Stock die Strecke zurückzulegen. Ich habe aber auch Glück, dass ich keine schwierigen Straßen überqueren musste und der ganze Weg recht verkehrsberuhigt ist. Trotzdem musste ich feststellen, dass ich mich ohne Stock nackt und schutzlos gefühlt habe. Das Bewusstsein, dass kein Mensch sehen konnte, dass ich blind war, bereitete mir Unbehagen und machte mich unsicher. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die keinen Stock verwenden, weil sie noch einen Sehrest haben und denken, sie kommen ohne zurecht, oder weil sie nicht wollen, dass man ihnen ihr Handicap ansieht. Einerseits verstehe ich das. Andererseits muss ich aber ganz klar sagen, dass so ein Erkennungsmerkmal ein Schutz ist. Damit signalisiert man, dass man sich mit Einschränkung durch den Straßenverkehr bewegt und zwingt die anderen zumindest gefühlt mehr zur Rücksichtnahme. Auch mit Stock brauche zumindest ich einen großen Teil wacher Aufmerksamkeit, um sicher von A nach B zu kommen. Ohne Stock brauche ich davon noch mehr, und auch wenn das ein interessantes Experiment war, wird eine meiner nächsten Amtshandlungen sein, draußen einen Haken zu befestigen und einen Blindenstock hinzuhängen.

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