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Bevor ich diesen Eintrag schreibe, eine Sache vorweg: Es geht mir hier nicht darum, Menschen zu erschrecken, vor den Kopf zu stoßen oder zu verarschen. Auch berichte ich nur über meine persönliche Erfahrung und freue mich, wenn jemand anderes andere Erfahrungen macht.
Niemand ist böswillig unhöflich, und gerade im Bereich Behinderung herrscht viel Unwissen. Meist erkläre ich anderen gerne meine Lebenswelt, aber ein bisschen Höflichkeit erwarte ich schon, und vor allem die Bereitschaft, das Gehörte dann auch zu akzeptieren. An beidem scheint es aber leider manchmal zu hapern.

Genereller Verlauf

Ich selber bin weiß Gott kein guter Smalltalker. Eigentlich versuche ich diesem Konversationsgeplänkel meist aus dem Weg zu gehen, weil mir nie etwas einfällt. Ich habe aber auch festgestellt, dass meine Ideenlosigkeit nicht unwesentlich mit dem Verlauf eines Smalltalks zusammenhängt. Und der sieht meist so aus:

Jemand spricht mich an, hat eine Frage zu meiner Behinderung, die ich beantworte. Dann kommt die nächste Frage, denn die Person fühlt sich sicherer, und dann die nächste Frage. Die Person selbst erzählt kaum etwas von sich, und wenn, dann meist Geschichten wie „Also meine Oma ist im Alter auch erblindet, das war dann so und so.“ Diese Art des Smalltalks ist für den anderen wahrscheinlich sehr interessant, weil er nicht viel zum Thema Blindsein weiß. Für mich ist sie aber oft schwierig, manchmal auch ermüdend. Das meine ich jetzt überhaupt nicht böse, aber es ist natürlich so, dass ich jedes Mal dieselben Fragen beantworte, während die andere Person etwas total Neues hört. Das andere Problem ist, dass man sich so rasch auf das Thema Behinderung einschießt, dass ein Themenwechsel in der oftmals vorliegenden Kürze der Zeit nicht mehr möglich ist. Ich meine, wenn die Person von ihrer blinden Oma erzählt, kann ich schlecht fragen: „Ach, übrigens, was machen Sie eigentlich beruflich?“ Das passt einfach nicht.

Es wäre daher hilfreich, wenn die andere Person das Gespräch auch etwas mitlenken könnte, damit es für beide Seiten ergiebiger werden kann. Ich fände es beispielsweise nur fair, wenn die andere Person im Gegenzug auch etwas Persönliches von sich preis geben würde.

Den richtigen Anfang finden

„Und haben Sie das schon seit Geburt oder kam es später?“ ist oft die erste Frage, die ich höre. Das ist kein Witz. Es gibt keine Begrüßung mehr, kein „Entschuldigen Sie, wenn ich neugierig bin“, kein „Dürfte ich Ihnen eine Frage zu Ihrer Behinderung stellen“, nichts dergleichen. Die Leute fallen heutzutage einfach mit der Tür ins Haus, obwohl es sie streng genommen gar nichts angeht, ob ich nun geburtsblind bin oder nicht. Nicht, dass das ein Geheimnis wäre, das ich besonders streng hüten würde, nein, aber ich finde es einfach unhöflich, das so ohne Vorrede zu fragen. Ich selber weiß, wovon ich rede, denn ich habe Arbeitskollegen mit einer Behinderung, die ich gerne viele Dinge fragen würde. Ich tue es aber nicht, weil mich dieses ständige Fragen manchmal einfach nervt. Ich versuche, die Fragen dann einzubringen, wenn es thematisch passt, und ich habe entsprechend Geduld. Dass man unterwegs an der Bushaltestelle nur eine kurze Gelegenheit zum Fragen hat, ist natürlich klar, aber für eine Begrüßung sollte die Zeit doch bitte reichen.

„Sooo bewundernswert …“

Wenn ich einen Wettbewerb ausrichten müsste, in dem man Bewunderer sammeln müsste, dann würden behinderte Menschen wohl unter den ersten 10 rangieren. Ich glaube, ich höre es von jeder dritten Person, wie sehr sie es bewundert, dass ich trotz Behinderung mein Abitur geschafft habe und mein Studium und auch einen Beruf ausübe und mein Leben meistere usw. Ebenso bewundernswert könnte man es auch finden, dass eine andere Person neben 3 Nebenjobs ihr Studium geschafft hat oder eine alleinerziehende Mutter die Kinder zu vernünftigen, guten, rechtschaffenen Menschen erzogen hat. Es gibt viele Menschen, die Einschränkungen haben, viele, die schwierigere Lebenssituationen meistern müssen. Trotzdem ist eine Behinderung immer noch etwas „Bewundernswertes“. Ich bin mir nicht sicher, was damit ausgedrückt werden soll. Ich habe sicher mehr Aufwand mit manchen Dingen, aber andere Menschen haben das genauso, auch wenn vielleicht in anderen Bereichen. Ich hoffe, es handelt sich um Respekt davor, wie wir unser Leben auf die Reihe bekommen. Allerdings befürchte ich, dass es oft auch etwas anderes ist, nämlich die Vorstellung, dass ein Mensch mit Behinderung arm und hilflos ist und allein nichts schafft. Und wenn doch, dann muss das eine außergewöhnliche Leistung sein … Wie ich auf so etwas komme? Ganz einfach!

„Sooo bedauernswert!“

Heute telefonierte ich mit der Behindertenbeauftragten von Marktoberdorf. Wir kamen dabei auch darauf, dass sie als selbst behinderte Person auch im Kreisrat tätig ist. Ich meinte, das wäre sicher gut, weil niemand sagen könnte, behinderte Menschen gingen nicht in die Politik, sondern seien nur zu Hause. Das kommentierte sie gleich mit „die armen Behinderten“, und wir lachten beide. Aber eigentlich ist das Thema nicht besonders witzig, sondern sogar ziemlich ernst.

Oftmals kommt es bei mir im Alltag zu reichlich absurden Gesprächen über die Frage, ob es nun schlimm sei, blind zu sein, oder eben nicht. Auch hier kann es passieren, dass ich ohne Gruß angesprochen werde mit „Mensch, Sie arme, das ist so schrecklich“. Oder aber es kommt die Frage, ob ich es von Geburt hätte, und wenn ich das bejahe, erwidert die Person: „Oh, das ist so schrecklich“. Daraufhin sage ich standardmäßig „eigentlich nicht, ich kenne es ja nicht anders“. Was sich dann manchmal entspinnt ist ein Gespräch, in welchem die andere Person versucht mir klarzumachen, dass es ganz entsetzlich ist, eine Behinderung zu haben, während ich versuche, der Person mitzuteilen, dass ich mein Leben trotz Behinderung erstens überhaupt nicht entsetzlich finde und zweitens sogar sehr gerne mag. Dass dieses Gespräch für niemanden befriedigend ausgehen kann, dürfte rasch klar werden.

Meiner Erfahrung nach sind es viele ältere Menschen, die eine Behinderung absolut schrecklich und bemitleidenswert finden, aber nicht nur. Es gibt auch junge. Natürlich ist mir klar, dass es schwer vorstellbar ist, nichts mehr zu sehen oder zu hören oder nicht mehr laufen zu können. Aus der Psychologie wissen wir aber auch, dass Menschen extrem anpassungsfähig sind. Auch nach einem Unfall mit Behinderung dauert es im Schnitt etwa drei Monate, bis eine Person in etwa das Wohlbefinden wieder besitzt, das sie vor dem Unfall hatte. Darüber hinaus impliziert das Wort „Mitleid“, dass man „mit jemandem leidet“, der andere muss also Leid oder Schmerz empfinden. Ich persönlich – und ich kenne viele andere – empfinde aber überhaupt keinen Schmerz und kein Leid darüber, dass ich blind bin. Und nein, das ist keine Ausrede, keine Überkompensation und keine Lüge. Ich mag mein Leben, zumindest meistens. Es kann sein, dass ich meine Behinderung manchmal verfluche. Genauso verfluche ich manchmal, dass ich nur 1,65 Meter groß bin, dass ich Spanisch und Französisch verlernt habe, dass ich manchmal sozialphobisch veranlagt bin und noch viele andere Dinge. Meine Behinderung ist eine Eigenschaft von vielen, und genauso versuche ich das zu vermitteln. Also bitte, bitte, bitte, ich will mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich mein Leben mag und nicht in euer Bild der bemitleidenswerten Behinderten passe. Also: Behaltet euer Mitleid für euch!

Fazit

Was ich mit alledem sagen möchte, ist eigentlich sehr einfach: Ich möchte als Person wahrgenommen werden und anderen Menschen auf Augenhöhe mit Respekt und Achtung begegnen. Leider habe ich in Smalltalks manchmal das Gefühl, sehr auf meine Behinderung reduziert zu werden – ich habe so viel geschafft trotz Behinderung, ich habe ein viel besseres Gehör wegen meiner Behinderung, ich kann Psychotherapeutin sein gerade wegen meiner Behinderung, und ich muss einfach bemitleidenswert sein wegen meiner Behinderung.

Nichts davon stimmt wirklich. Meine Behinderung ist sicher ein Faktor, aber eben nur ein Faktor von vielen. Niemand möchte nur auf eine Eigenschaft reduziert werden. Ein intelligenter Mensch ist nicht gebildet und leistungsfähig und sozial ungeschickt, weil er so intelligent ist. Und diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Leider ist es mir nicht möglich, jemandem auf Augenhöhe zu begegnen, wenn ich das Gefühl habe, nur als „die Behinderte“ wahrgenommen zu werden. Ebenso wenig kann ich jemandem auf Augenhöhe begegnen, wenn ich das Gefühl habe, der andere schaut bewundernd zu mir auf. Wie komme ich also aus diesem Dilemma raus? Ich weiß es nicht. Ich denke, es hilft nur Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit. Wenn behinderte Menschen ganz „unbehindert“ am Leben teilhaben können, wird sich das Bild hoffentlich wandeln, das andere Menschen von uns haben.

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