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Letztens habe ich eine Tagung zum Thema Inklusion besucht und mal wieder eindrucksvoll erleben dürfen, wie schwer die Umsetzung sogar bei einer solchen Veranstaltung sein kann.

Ja, ich gebe zu: Wenn ich zu einer Veranstaltung gehe, die Inklusion zum Thema hat, dann erwarte ich eine gute Umsetzung derselben. Natürlich muss nicht alles perfekt sein, aber ich erwarte schon, dass sensibel auf meine Bedürfnisse reagiert wird. Dabei sind wir sogar streng genommen bei der Integration, denn Inklusion würde ja bedeuten, dass schon alles für mich vorbereitet ist. Aber wie gesagt, es muss nicht perfekt sein.

Die Anmeldung gestaltete sich ziemlich barrierefrei, was schon mal ein guter Punkt ist. Standardmäßig wird bei Inklusionsveranstaltungen abgefragt, ob jemand Rollstuhlfahrer ist, einen Gebärdensprachdolmetscher braucht oder auf eine Induktionsanlage angewiesen ist. Manche fragen auch noch ab, ob man mit Assistenz kommt. Meistens gibt es außerdem noch den Punkt Sonstiges, in dem man Unterstützungsbedarfe angeben kann, die mit den bisherigen Möglichkeiten nicht erfasst wurden. Hierunter fallen blinde und sehbehinderte Menschen sehr oft, da in der Regel nicht abgefragt wird, ob man die Unterlagen in barrierefreier elektronischer Form oder gar in Großdruck oder Blindenschrift benötigt.

Bei der Veranstaltung, auf der ich war, wurde, soweit ich mich erinnere, eine Induktionsanlage überhaupt nicht erwähnt. Das mal als Info vorab, denn ich komme nachher noch mal drauf zurück. Ich selber habe natürlich angegeben, dass ich die Unterlagen in barrierefreier elektronischer Form benötige und außerdem auf glutenfreies, veganes Essen angewiesen bin. Ich mache letzteres eigentlich immer so, da es einfacher ist als den Leuten zu erklären, was ich denn an tierischen Produkten essen kann und was nicht.

Als ich ankam, stand eine blinde Bekannte vor mir in der Anmeldeschlange. Wir hatten uns im Vorfeld schon gefragt, ob man denn Unterlagen für uns bereit halten würde. Sie wollte dann auch gleich wissen, ob es die Unterlagen denn auch in Blindenschrift gäbe. Gewagt, gewagt, will man meinen. Natürlich gab es die Unterlagen nicht. Auch in sonst keiner zugänglichen Art konnte man sie bekommen. Angeblich seien auch keine Unterlagen angefordert worden. Hmmm, ist schon seltsam, dass der Rest meiner Anmeldung ankam, aber genau dieses nicht, wo doch alles in einem Formular stand.

Als ich dran war, fragte ich denn auch gleich wegen des Essens. Nachdem meine Forderung nach den Unterlagen schon nicht angekommen war, musste ich wohl davon ausgehen, dass die nach glutenfreiem, veganem Essen auch nicht angekommen war. Und so war es dann auch. Glutenfrei wäre kein Problem gewesen, aber beides? Sie wollten mal schauen, was sich da machen ließe. Gut, dass ich nicht auch noch gesagt habe, dass ich auf Sonnenblumenöl verzichten möchte. 🙂

Die Tagung selbst war eigentlich recht interessant. Den Vortragenden konnte ich relativ gut folgen, war aber durchaus froh, dass es eher eine Mitmach- als eine Zuhörtagung war. 🙂 Was ich etwas seltsam fand, war, dass manche Leute sich an Themen festbissen, die eigentlich gar nicht Teil des Tagungsthemas waren, fast so, als wäre es bequem, einen Nebenschauplatz zu eröffnen, um sich nicht mit den wichtigen Dingen auseinander setzen zu müssen. Zumindest war ein Teil der Leute schon recht seltsam. Da gab es z. B. diejenigen, die über meinen Blindenstock hinüberspringen wollten und sich dann in der Höhe verschätzten. Ebenso gab es aber auch stock konservative, überhaupt nicht weltoffene Menschen, die darüber jammerten, dass gerade beim Essen nur noch auf Allergiker oder Moslems Rücksicht genommen werde und der normale Mensch gar nichts Gewöhnliches mehr bekommen könne. Ich habe mich an dieser Stelle kurzzeitig gefragt, wie das mit dem Inklusionsgedanken zusammen geht und ob wir eigentlich in derselben Welt lebten.

Das Essen war nämlich eine absolute Katastrophe. Mir wurde vorgeschlagen, ich könne doch den Couscoussalat essen, der sei vegan und glutenfrei. Kleine Ernährungskunde gefällig? Ich erwiderte nur, dass Couscous aus Weizen hergestellt werde. Dass Weizen Gluten enthält, habe ich mal als Wissen vorausgesetzt.

Es gab dann eine Kürbiscremesuppe, die angeblich vegan und glutenfrei war. Sicher war ich mir nach der Sache mit dem Couscous nicht, aber zumindest hat es mich nicht gestört. Leider bin ich auch nicht satt geworden davon und war insgesamt ziemlich gereizt, obwohl ich so etwas natürlich voraus geahnt und mir ein Sandwich mitgenommen hatte. Aber hey: Es wird ja immer nur auf Allergiker Rücksicht genommen …

Am Nachmittag kam mir zu Ohren, dass jemand mit Schwerhörigkeit sich bei der Tagung recht schwer getan hatte. Ich vermute, weil es keine Induktionsanlage gab, habe aber nicht näher nachgefragt. Außerdem hörte ich von einigen weiteren blinden Menschen auf der Tagung, dass auch sie Unterlagen in barrierefreier Form angefordert hatten. Ist schon komisch, dass ca. 5-10 Anforderungen dieser Art einfach nie angekommen sind, oder? Aber mir wurde versichert, dass die Dokumentation auf jeden Fall barrierefrei sein werde. Das sei der Standard! Wir dürfen gespannt sein.

Da ich schon beim Nörgeln bin, möchte ich die seltsame Behindertentoilette nicht unerwähnt lassen. Ich persönlich finde zwar, dass es nicht für jeden Quatsch Normen geben muss, aber bei Behindertentoiletten wäre das tatsächlich nicht schlecht. Wer Lust hat, kann ja mal mit geschlossenen Augen in eine unbekannte Toilette gehen und gucken, wie lange es dauert, um sich dort zurechtzufinden.

Meistens scheitert es nicht an der Schüssel, aber wenn man Toilettenpapier braucht, wird es schon schwierig. Bei den meisten Toiletten findet man es irgendwo ungefähr in Hüfthöhe, sodass man bequem hinfassen kann, wenn man auf der Schüssel sitzt. Bei Behindertentoiletten befindet sich der Halter oft irgendwo am Griff. Diese Toilette hatte aber keine waagerechten Griffe, wie ich sie sonst kenne, sondern senkrechte Griffe. Ich tastete mich also an den Griffen zur Wand entlang, ohne fündig zu werden.

Anschließend versuchte ich, die Griffe systematisch abzutasten, um nicht irgendetwas zu übersehen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie viele Bakterien ich da mitgenommen habe. Ich fand das Toilettenpapier schließlich am linken Griff ungefähr auf Kopfhöhe etwas hinter mir. Ich weiß nicht genau, wer da bequem hinkommt, ich jedenfalls nicht 🙂 Ich habe auch recht lange gebraucht, um es zu finden, weil ich es an dieser Stelle erst einmal nicht vermutet habe. Soweit ich weiß, gibt es auch Rollstuhlfahrer, die Schwierigkeiten haben, ihre Arme überhaupt so weit anzuheben.

Anschließend fand ich das Waschbecken, drehte das Wasser auf und wusch meine Hände kurz ab. Danach suchte ich nach der Seife … und suchte … und suchte … und suchte … und ich glaube, ich darf das jetzt gar nicht öffentlich sagen, aber ich fand sie nicht. Ich wage sogar zu vermuten, dass es gar keine Seife in dem Klo gab, denn ich fand an der Wand rechts von mir einen länglichen Behälter, der mir nach Seifenbehälter aussah. Es gab einen kleinen Hebel, den man zu sich her ziehen konnte, aber in meiner Hand landete nur Staub, was übrigens auch ein bisschen eklig war. Falls das also der Seifenspender war, dann war er leer. Was mich am zweck dieses Behälters zweifeln ließ, war die Tatsache, dass er nicht über dem Waschbecken angebracht war, also nicht seitlich über dem Becken, sondern seitlich quasi davor auf der Höhe der eigenen Hüfte. Aber vielleicht ist das für Rollstuhlfahrer bequemer, weil sie sich nicht vorbeugen müssen.

Jetzt kann man natürlich fragen: Wieso hast du dir das denn nicht alles zeigen lassen? Die einfache und ehrliche Antwort lautet: Weil ich nicht will. Sorry, aber es muss doch wohl möglich sein, dass man als nicht sehender Mensch auf eine fremde Toilette gehen kann, ohne hierfür Assistenz zu benötigen. Und das geht auch in den meisten Fällen. Die einzige Toilette, die mit dieser hier konkurrieren kann, ist die Toilette in den Zügen der deutschen Bahn, wo ich mich auch nicht gut zurecht finde. Einmal war ich in einer elektro-High-Technology-Toilette, sperrte zu und stellte dann fest, dass ich nicht mehr wusste, wo der Knopf war, den ich drücken musste, um wieder aufzusperren. Glücklicherweise habe ich den dann aber doch gefunden.

Jetzt könnte man auch sagen: Wie sollen wir das denn lösen? Nun, man könnte zum Beispiel eine Kurzbeschreibung in Blindenschrift irgendwo hinkleben. An die Tür oder an die Klinke hängen. Am besten an die Klinke, weil man die auf jeden Fall anfassen muss, wenn man zur Toilette geht. 😉 Noch besser wäre aber vermutlich eine genormte Behindertentoilette, wo man einfach weiß, wo was steht.

Davon abgesehen war es inhaltlich, wie gesagt, nicht schlecht. Es waren jede Menge Politiker da, aber auch viele Interessenvertreter. Die Diskussionen, an denen ich teil genommen hatte, wurden recht lebhaft geführt und zeitigten viele interessante Ergebnisse und Ideen für weitere Maßnahmen auf dem Wege der Inklusion. Trotzdem – ich weiß nicht, ob ich da vielleicht falsch gepolt bin, aber ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass doch sehr viel mehr geredet als getan wird. Viele engagierte Menschen mit Behinderung kennen sicher den Ausspruch „die Barrieren im Kopf müssen als erste fallen“. Dieser Satz gehört für mich immer mehr zu den Hasssätzen in diesem Themenbereich. Natürlich müssen Barrieren in den Köpfen verschwinden. Natürlich ist Bewusstseinsbildung wichtig. Aber noch wichtiger ist die strukturelle Arbeit, die Maßnahmen, die sichtbar umgesetzt werden. Warum kann so eine Tagung nicht als Vorbild für eine inklusive Veranstaltung dienen? Warum kann man als blinder Mensch keine Unterlagen bekommen, obwohl man sie 4 Wochen zuvor angefordert hat? Kurze Anmerkung am Rande: In meinem Therapieausbildungsinstitut hat sich meine Sekretärin immer rechtzeitig darum gekümmert, dass ich die Seminarunterlagen erhalte. Die waren zwar nicht barrierefrei nach den Richtlinien, aber meistens doch recht gut lesbar. Ich hätte mich sogar damit abgefunden, aber völlig auf dem Trockenen sitzen gelassen zu werden, fand ich nicht besonders inklusiv.

Fazit: Es war eine spannende Veranstaltung, deren inklusive Vorbereitung aus meiner Sicht aber ziemlich mangelhaft war. Man hat sich Mühe gegeben, und wer Arbeitszeugnisse kennt, weiß, welcher Note diese Aussage entspricht. Ich weiß, ich bin wirklich streng, streng mit anderen, aber vor allem auch streng zu mir selbst. Hohe Ansprüche stelle ich an mich und auch an andere. Ich hätte nicht gemeckert, wenn es nur das Essen oder nur die Unterlagen oder nur die bescheuerte Toilette gewesen wäre. Alle drei Dinge wiederum sind definitiv zu viel für mich, um noch ein Auge zuzudrücken. Warum können wir nicht anfangen, Inklusion selbstverständlich mitzudenken, statt immer wieder zu überlegen, wie wir sie umsetzen könnten und das dann doch nicht zu tun?

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