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Diese Frage finde ich zu Ostern sehr passend. Jesus ist auferstanden, und er hat unter anderem blinden Menschen ihr Augenlicht zurückgegeben, wenn man der Bibel glauben mag. Ob das wohl alle wollten?

Würdest du dir eigentlich wünschen, sehen zu können?

Hast du als Geburtsblinde überhaupt das Gefühl, dass etwas fehlt, oder wärst du irgendwie neugierig darauf, wie man als vollständig Sehender die Umgebung wahrnimmt?

Viele Menschen glauben, dass die Antwort auf diese Frage eindeutig „ja“ lauten muss. Tatsächlich stimmt das aber zumindest für mich nicht. Es hängt ganz davon ab, in welcher Situation man mich damit erwischt.

Wenn ich im Winter durch den Schnee irren muss, mich dreimal verlaufen und deshalb einen oder zwei Züge / Busse / was auch immer verpasst habe und mein Schädel auch noch Bekanntschaft mit einem Laternenpfahl machen durfte, dann lautet die Antwort sicherlich ja 🙂 Dieses Beispiel ist zwar etwas konstruiert, aber solche mistigen Tage gibt’s natürlich immer wieder, nicht zuletzt, weil andere Menschen einen behindern, indem sie z. B. riesige Plakate oder Schilder oder Fahrräder mitten auf dem Gehsteig aufstellen.

Wenn ich gerade Nachrichten gucke und da irgendwelche schlimmen Bilder gezeigt werden (z. B. 9/11), dann lautet die Antwort vermutlich nein. Wer möchte schon gerne Bilder von zerbombten Gebäuden und geängstigten oder vielleicht sogar verletzten Menschen sehen?

Dann gibt es natürlich wiederkehrende Situationen, die mich nerven. Ich habe viele Jahre Geige und Klavier gespielt und fand es immer unheimlich aufwendig, neue Musikstücke zu erlernen, sei es mittels Gehör oder mittels Blindennotenschrift. Ich habe mir oft gewünscht, einfach mal etwas vom Blatt spielen zu können, wie alle anderen sehenden Musiker, mit denen ich zusammen gespielt habe. Ich wollte früher auch immer gerne Fahrrad fahren. Eine Zeitlang fand ich Basketball toll. Und bis heute kann ich keine Pfannkuchen wenden.

Aber so was kommt und geht und gehört zu meinem Leben dazu, ohne dass es mich jetzt besonders beschäftigen oder mich gar ins Unglück stürzen würde. Es mag auch andere Fälle geben, denke ich. Ich bin da bestimmt nicht das Maß aller Dinge. Ich merke allerdings gerade, dass ich viel zu dankbar dafür bin, was ich alles machen kann, das ist ja in anderen Ländern ganz anders, und das trägt sicher auch dazu bei, dass mich die obige Frage im Alltag nur selten beschäftigt.

Ob ich neugierig bin? Darüber habe ich irgendwie noch nie so richtig nachgedacht, aber die Antwort lautet wahrscheinlich ja. Es gibt sehr viele schöne Dinge, die mir verschlossen bleiben, und auf diese wäre ich schon neugierig. Andererseits muss ich gerade wirklich überlegen, und mir fällt nichts ein, was ich hier als Beispiel anführen könnte. Witzigerweise muss ich gerade an eine Freundin denken, und das Beispiel passt wohl ganz gut. Diese Freundin ist blind. Sie hat wiederum eine andere Freundin, die sehend ist und ihr viele Dinge sehr detailreich beschreibt. Ich habe das einmal mitbekommen, als wir gemeinsam die Eröffnung einer Konditorei besuchten. Da wurde ihr eine sehr schön dekorierte Torte beschrieben, und das fand ich schon toll. So etwas mal wirklich zu sehen, wäre schon schön. Ich lese auch immer sehr gerne Bücher, wo Dinge detailreich beschrieben werden – ausgenommen Herr der Ringe, das war mir dann auch zu viel 😉 Aber dadurch entwickle ich dann oft eine sehr intensive Vorstellung von dem Ort, an den mich das Buch mitnimmt, und das ist tatsächlich interessant, weil ich mit den Details und Farben, die beschrieben werden, nichts anfangen kann. Ich habe also kein Bild vor Augen, und trotzdem reißt es mich emotional oft sehr mit.

Ich finde die Vorstellung, plötzlich sehen zu können, auch etwas unbehaglich. Ich meine, das wäre dann ja wahrscheinlich nicht so, dass ich alles sehe und alles erkenne, weil mein Gehirn ja vieles nicht gelernt hat. Ich stelle mir vor, dass ich dann erst mal von vielen Dingen umgeben wäre, die mir fremd und unheimlich wären. Das muss beängstigend sein. Angst habe ich natürlich auch davor, dass ich einer Operation oder Behandlung zustimme, die dann schief geht. Ich schrieb ja schon mal, dass ich Angst im Dunkeln habe, und ich fände es schrecklich, meine Lichtwahrnehmung zu verlieren. Ich glaube, ich würde damit auch einen Teil meiner Orientierungsfähigkeit einbüßen.

Es gibt auch positive Dinge daran, nicht zu sehen. Man hat viel mehr Raum für andere Sinneswahrnehmungen. Bei sehenden Menschen passiert es mir eher als bei blinden, dass ich frage, ob jemand dieses oder jenes gehört oder gerochen hat, und der dann sagt, dass er nicht weiß, was ich meine. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sehende Menschen von ihrem Sehen so eingenommen sind, dass sie andere Sinneseindrücke überhaupt nicht wahrnehmen, und das finde ich schade.

Auch mache ich mit blinden Menschen meist lieber Musik als mit sehenden, weil diese dadurch, dass sie weniger vom Blatt spielen, oft spontaner sind, eher mal was experimentieren oder spontan improvisieren können, weil ihr Gehör entsprechend geschult ist.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob ich sehen können möchte oder nicht, lässt sich also nicht finden. Es ist eben nicht schwarz oder weiß, sondern bunt, und manchmal ist das Bild dunkler, manchmal aber auch heller. Und das ist gut so!

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