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Wer mich kennt, weiß, dass ich wirklich selten sprachlos bin. Dieser Fall von gescheiterter Inklusion hat mich aber ausnahmsweise ohne Worte zurückgelassen, und deshalb möchte ich euch davon erzählen.

Wenn kleine Kinder häufig unter Bauchschmerzen und Durchfällen leiden, liegt es nahe, eine Unverträglichkeit oder Allergie zu vermuten. So ging es einem kleinen Mädchen, das wir an dieser Stelle einfach mal Maja nennen wollen. Maja ist fünf und geht in den Kindergarten. Sie ist ein sehr aufgewecktes und gescheites Mädchen. Und natürlich isst sie gern Schokolade, wie wohl die meisten Kinder in ihrem Alter.

Als sie erfuhr, dass sie keine Milch mehr essen darf, weil sie davon Bauchweh bekommt, war das natürlich erst mal nicht so toll. Sie hat sich aber erstaunlich schnell an die neue Situation gewöhnt und stets nachgefragt, wenn man ihr etwas anbot, ob darin Milch enthalten sei. Im Kindergarten packte ihr die Mama immer einen eigenen Nachtisch ein, und für manche leckeren Produkte gibt es ja auch guten Ersatz, z. B. für Joghurts, die sie wirklich gerne isst.

Als Ostern vor der Tür stand, wurde die Sache schon ein bisschen kniffliger, aber nicht so, dass sie unbeherrschbar wäre. Da ich selbst keine Milch vertrage, habe ich am Donnerstag vor Ostern noch Saisonartikel eingekauft. Es gibt im ganz normalen Supermarkt einige Artikel zu kaufen. Einzelne Markenhersteller führen kleine und große Hasen ohne Milch im Sortiment. Und sogar beim Discounter findet man Schokoeier ohne tierische Produkte.

Im Kindergarten wurde vor Ostern eine Eiersuche veranstaltet. Jedes Kind bekam einen Hasen, den es draußen in freier Natur suchen durfte. Maja war auch mit von der Partie. Zusammen mit einer Kindergartenfreundin machte sie sich auf die Suche. Sie verbrachten eine schöne Zeit zusammen und suchten gemeinsam die Hasen.

Leider dachten die Erzieher nicht daran, inklusive Rahmenbedingungen für ihre Kinder zu schaffen. Das führte dazu, dass Maja zwar einen Hasen fand, den aber dann nicht essen konnte. Es war ja ein Vollmilchhase. Sie schenkte ihren Hasen dann ihrer Freundin, mit der sie den Tag verbracht hatte. Dass damit aber nicht alles gut war, könnt ihr euch sicher denken. Jede Mutter kann sich wahrscheinlich vorstellen, was für ein Unglück so eine Situation für ein Kind bedeuten kann. Maja kam jedenfalls entsprechend frustriert nach Hause, und das besserte sich nicht, weil zu Hause natürlich noch keine Eier und / oder Hasen versteckt waren. Es war ja noch nicht Ostersonntag.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich eigentlich überhaupt nicht vor hatte, vegane Osterartikel zu kaufen. Natürlich finde ich es auch mal nett, etwas anderes als immer nur die Zartbitterschokolade einer bestimmten Marke zu essen, aber bei mir müssen es nicht unbedingt Eier und Hasen sein. Aus dem Alter bin ich raus. Als ich diese Geschichte hörte, wurde ich aber so sauer, dass ich beschloss, ale Supermärkte abzuklappern und nach veganen Osterartikeln zu suchen. Ich habe mich gefragt, ob es wirklich so einen großen Aufwand bedeutet hätte, einem Kind im Kindergarten einen veganen Osterhasen oder ein paar Eier zu besorgen.

Wie ihr euch wohl denken könnt, lautet die Antwort ganz klar nein. Eine 30sekündige Recherche über Google spuckte sogar eine Seite zum Thema Veganismus aus, auf der jemand anders bereits die entsprechenden Artikel aufgelistet hatte. Ich musste also nur noch mit der Liste in die einzelnen Supermärkte reinlaufen und fragen, ob irgendetwas davon aktuell noch im Sortiment vorhanden sei. Kleiner Nebeneffekt dieser Aktion war übrigens, dass ich eine Tüte voll mit Süßigkeiten mit nach Hause brachte, die mich wohl die nächsten Wochen mit ausreichend Zucker und Schokolade versorgen wird. Leider gehört Schokolade ja zu den wenigen Dingen, die ich als meine Laster bezeichnen würde, vor allem bei Frust.

Was das ganze jetzt mit Inklusion zu tun hat, wo Maja doch gar keine Behinderung hat, fragt ihr euch? Ich hoffe nicht, denn es hat sehr viel damit zu tun. Inklusion hat nämlich genau nichts mit Behinderung zu tun. Dass diese Verknüpfung in den Medien hergestellt wurde, ist aus meiner Sicht ein Fehler, denn Inklusion wird dadurch oft als ein Spezialthema in Bezug auf Behinderung behandelt, und noch öfter ist es eigentlich die Integration, über die wir reden.

Inklusion selbst bedeutet, dass die Gesellschaft sich so entwickelt, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder Eigenheiten oder Verschiedenheiten uneingeschränkt teilhaben können. Hierzu zählen neben Behinderung übrigens auch so banale Dinge wie die Hautfarbe oder die Größe, aber auch die Religion oder Weltanschauung des Einzelnen. An Behinderung entzündet sich das Thema aber natürlich insofern mit Recht, als Behinderungen oft speziellere Anpassungen der Gesellschaft notwendig machen. Es müssen Rahmenbedingungen hergestellt werden, die es dem Menschen mit Behinderung möglich machen, uneingeschränkt teilzuhaben, und das ist im Augenblick noch ein Weg, den wir nur zum Teil gegangen sind. Viel Wegstrecke liegt hinter uns, aber noch einmal genauso viel liegt auch noch vor uns. Wenn wir es nicht schaffen, für ein Kind einen veganen Osterhasen zu besorgen, wie genau sollen wir dann offen sein für ein Kind im Rollstuhl, das vielleicht nur noch sprechen und einen Finger bewegen kann oder nicht einmal das?

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