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Gute Frage. Jemandem einen Weg zu beschreiben kann doch nicht so schwer sein, oder?

Jeder Mensch hat das sicher schon mal erlebt. Man kommt irgendwo hin, egal ob zu Fuß oder mit dem Auto, und findet sich nicht zurecht. Also fragt man eine Person, wo man hin muss, die einem dann gestikulierend erklärt, welcher Weg der richtige ist. Manchmal kommt es dann auch vor, dass man trotz der Erklärung nicht da ankommt, wo man hin möchte, oder der Weg doch anders aussieht als beschrieben.

Bei blinden Personen gelten außerdem erschwerte Bedingungen. Wer einer blinden Person einen Weg beschreiben möchte, hat hierfür in der Regel keine passenden Strategien zur Hand, weil er oder sie das vielleicht noch nie machen musste. Deshalb werde ich bei Fragen nach dem Weg meist in Dialoge der folgenden Art involviert.

Ich: Entschuldigung, ich glaube, ich habe mich verlaufen, wie komme ich denn zur Stadtbibliothek?

Darauf die andere Person, vermutlich gestikulierend: Sie müssen einfach geradeaus in diese Richtung laufen.

Ich: Meinen Sie da hin (ich zeige nach rechts) oder dorthin (ich zeige nach links.

Person: Ja, einfach gerade aus.
(Vor mir ist aber vielleicht ein Gebäude, so dass ich auf jeden Fall eine andere Richtung einschlagen muss.)

Ich: Ja, aber in welche Richtung? Gerade aus vor mir ist ja ein Gebäude.

Person: Soll ich Sie einfach schnell hinbringen?

Darauf gehe ich dann meistens ein. Diese Dialoge sind beliebig erweiter- und änderbar, je nachdem, wo man sich gerade befindet. Wenn ich z. B. frage, ob irgendwo noch eine Querstraße kommt, wissen die Leute das nicht. Auch nach Straßennamen braucht man den Otto-Normal-Verbraucher nicht fragen, denn die meisten haben nicht einmal eine Ahnung davon, in welcher Straße sie sich gerade befinden. Das meine ich völlig wertfrei, denn für sehende Menschen ist es meistens gar nicht relevant, wie die Straße heißt, in der sie sich befinden, oder wie viele Querstraßen es auf dem Weg vom Hugenottenplatz zu den Arcaden gibt.

Für blinde Menschen sind solche Informationen hingegen von hoher Relevanz, denn sie helfen, die Orientierung in einer Stadt zu behalten. Noch besser ist es, wenn man auch weiß, welche Art von Straße man überqueren muss, ob es eine Stichstraße ist oder eine mit Ampel, eine mit mehreren Spuren oder nur mit zweien usw.

Visuelle Punkte wie z. B. „am gelben Haus“ links haben hingegen überhaupt keine Relevanz. Auch die Angabe, dass da eine Kirche kommt, ist nur dann hilfreich, wenn man davon ausgehen kann, dass die Kirchenglocken läuten werden, während man in der Nähe ist.

Häufig fällt den Leuten aber nicht einmal ein, wie sie einem blinden Menschen die Richtung beschreiben sollen, in die man gehen muss. Das finde ich dann schon ein bisschen erschreckend, da ich mich oft ja schon in die Richtung drehe, in die ich den Weg vermute. Solche Infos beziehe ich übrigens aus der Art, wie eine Person steht. Wenn sie z. B. im 90 Grad Winkel neben mir steht und „geradeaus“ sagt, dann wende ich mich in die Blickrichtung der Person. Wenn die Person sich beim Sprechen von mir abwendet, dann vermute ich die Richtung anhand dieser Hinweise. Die Person muss dann also nur noch sagen, ja, die Richtung stimmt. Oder eben nicht. Aber selbst daran scheitern oft viele.

Manche Personen haben aber auch richtig gute Ideen. Ich weiß noch, als ich mal wirklich die Stadtbibliothek suchte, sagte die Frau zur mir: „Sie müssen in Richtung Sonne gehen.“ Die Sonne schien zu diesem Zeitpunkt schön warm, sodass ich sie nicht verfehlen konnte 🙂

Grundsätzlich könnte man jetzt sagen: Ist doch kein großes Problem, man kann sich doch von den netten Helfern immer hinbringen lassen. Klar kann man das, aber in vielen Fällen ist das aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Wenn man z. B. an einen neuen Ort kommt, den man in Zukunft öfter aufsuchen möchte, stellt sich bei jedem Mal dasselbe Problem. Wie komme ich hin? Es kann dann passieren, dass neunmal ein Helfer zur Verfügung steht, beim zehnten Mal aber nicht. Und dann ist man doch etwas aufgeschmissen. Man beantragt nicht für jeden neuen Weg ein Mobilitätstraining. Das geht in der Regel auch nicht. Stattdessen kann man, wenn man die Gegend ein bisschen kennt, den Weg auch allein herausfinden. Man kann sich auch eine sehende Person des Vertrauens mitnehmen und den Weg mit ihr zusammen erkunden. Aber man kann auch einfach eine Navigations-App anwerfen und sich selbst auf die Suche machen. Ich persönlich finde diese Art der Wegesuche manchmal ganz gut, um die Gegend besser kennen zu lernen. Wenn mich aber immer jemand führt, dann laufe ich vielleicht immer wieder an wichtigen Orientierungspunkten vorbei, die mir beim nächsten Mal helfen könnten. Und dem Helfer zu erklären, dass man doch bitte langsam gehen und den Weg erkunden möchte, das finde ich dann doch immer etwas kompliziert.

Was sind nun aber gute Orientierungspunkte? Ehrlich gesagt kann es gut sein, dass ich einiges aus meinem Mobilitätstraining nicht mehr weiß, aber grundsätzlich ist es natürlich immer schön, wenn man sich an festen Strukturen orientieren kann. Dazu zählen z. B. die Bordsteinkante, Gebäude oder Gartenzäune, der Rand von Grünflächen und ähnliches. Daneben gibt es auf Wegen aber häufig auch Einfahrten. Hier ist es z. B. hilfreich zu wissen, wie viele Einfahrten kommen. Oder wie viele Querstraßen man passieren muss, bis man irgendwo ankommt oder rechts oder links abbiegen muss etc. Ich persönlich mag es auch immer, wenn ich Straßennamen kenne, weil ich auch oft meine Navigations-App oder einfach nur Blind Square verwende. Letzteres sagt Straßenkreuzungen an und dient mir damit als grobe Orientierung, insbesondere in Gegenden, wo ich mich grundsätzlich zwar auskenne, aber gerne mal eine Einbiegung verpasse oder mir nicht merken kann, bei der wievielten Querstraße ich irgendwo abbiegen muss.

Wegbeschreibungen auf Webseiten sind für blinde Menschen in der Regel völlig unbrauchbar, da heutzutage eigentlich immer nur irgendwelche Kartendaten von Google placiert werden. Wenn man Glück hat, gibt es noch eine knappe Beschreibung, wie man mit dem Auto irgendwo hinkommt, aber damit hat sich das Thema meist bereits erledigt.

Besonders heikel wird es m. E. dann, wenn man zu einer Einrichtung muss, bei der Privatsphäre besonders wichtig ist. Natürlich gibt es viele Menschen, denen egal ist, ob sie jemanden fragen müssen, wie sie irgendwo hinkommen, aber wenn ich z. B. zur Schuldnerberatung müsste oder zu einer Beratungsstelle für vergewaltigte Frauen – ich glaube, da hätte ich es nicht so gerne, dass ich Passanten fragen muss, wie ich hinkomme. Und selbst wenn man dann da ist, kann es immer noch zu Schwierigkeiten kommen, da man z. B. nicht genau weiß, wo man klingeln oder in welches Stockwerk zu welcher Tür man gehen muss.

Ein anderer sehr nerviger Punkt ist, dass man oft die Türen nicht zählen kann. Ja, blinde Menschen zählen Türen bzw. Eingänge. Hierfür ist es aber notwendig, dass man an der Wand der Gebäudefront entlang gehen kann. Dies ist leider, insbesondere in Erlangen, kaum möglich, weil die Wände meist mit Fahrrädern vollgestellt sind. Dadurch hat man aber keinerlei Möglichkeit, einen Eingang aus vielen zu erkennen. „100 Meter weiter“ ist keine sinnvolle oder hilfreiche Beschreibung, wenn keine Orientierungspunkte vorhanden sind. Ich schätze, das dürfte für normal sehende Menschen auch schwierig sein, wenn sie z. B. in der Wüste unterwegs sind, wo alles gleich aussieht. Geht da mal 100 Meter.

Trotzdem ließen sich viele Informationen zum Gebäude und zur Wegbeschreibung von der nahe gelegenen Bushaltestelle aus leicht anbieten, wenn man sich die Mühe machen würde, das zusammen mit einer Person vom Fach auszuarbeiten.

Die Idee, euch hier meine Wegbeschreibungen zur Verfügung zu stellen, entstand, als ich von einer Seite hörte, auf welcher man sich Beschreibungen von Bahnhöfen anzeigen lassen konnte, die von blinden Menschen für blinde Menschen verfasst wurden. Ich kann den Link leider nicht wiederfinden, aber ich fand das eine tolle Idee. Beim Lesen der Beschreibungen wurde aber die Schwierigkeit rasch klar, dass man aus den Beschreibungen, die andere total klar fanden, selbst nicht so ganz schlau wurde. Es kommt also auf Präzision an 🙂 Ich möchte euch hier nach und nach erzählen, wie man von z. B. einer Bushaltestelle zu verschiedenen Einrichtungen kommt. Vorzugsweise werden das Einrichtungen oder Gebäude sein, die ich selbst immer mal wieder besuche. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere dazu inspirieren, in Zukunft adäquatere Wegbeschreibungen für blinde Menschen zu formulieren.

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