Schlagwörter

, , , , ,

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, welches ich gerade ausgelesen habe. Der Knochenjäger wurde auch verfilmt, und wer es kennt, weiß, dass es auch thematisch zu meinem Blog passt. Aber lest selbst.

Der Knochenjäger

Jeffery Deaver

 

  • Taschenbuch, 512 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag, 1. Februar 2000
  • ISBN: 978-3442434596

Ex-Detective Lincoln Rhyme ist nach einem Arbeitsunfall querschnittsgelähmt und zieht sich immer mehr in seine Privatsphäre zurück. Bis ein Serienkiller die Stadt in Angst versetzt: an jedem Tatort hinterlässt er einen Hinweis auf seinen nächsten Mord. Lincolns Interesse wird geweckt – denn langsam bekommt ihm der Verdacht, dass er den Mörder kennen muss.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich dem Buch zwei Anläufe geben musste. Ich habe es schon einmal vor einigen Jahren angefangen, aber die Art, wie Rhyme am Anfang des Buches eingeführt wird, fand ich so unterirdisch, dass ich es aus der Hand gelegt habe.

Da ich aktuell beruflich auf der Suche nach guten und schlechten Beispielen für die Darstellung von Menschen mit Behinderung in Literatur und Film bin, habe ich mich entschieden, dem Buch noch eine Chance zu geben. Ich habe es mir diesmal aus einer Hörbücherei ausgeliehen. Obwohl der Sprecher es streckenweise fast wie einen Sachbericht vorträgt, hat das Buch mich positiv überrascht und mich gepackt.

Obwohl der Plot durch die Art, wie er angelegt ist, einige Wiederholungen beinhaltet, wurde mir an keiner Stelle langweilig. Wiederholung heißt natürlich auch nicht, dass immer genau dasselbe passiert, aber wenn ich mehrmals versuchen muss, ein Opfer zu retten, dann ist das schon auf eine Art eine Wiederholung. Inhaltlich wurde es aber gut ausgestaltet, und man hat genau die Entwicklungen bemerkt, die die Charaktere dabei durchlebt haben.

Die Analyse der Spuren fand ich total interessant. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ein anderer Leser das zu ausführlich oder kompliziert finden kann. Wenn ich mal einen Thriller schreiben wollen würde, würde ich im Glossar dieses Buches nachlesen.

Die Verteilung zwischen Spannung und Charakterentwicklung fand ich manchmal etwas unglücklich. Manche Dialoge waren recht lang und an anderer Stelle kam das Zwischenmenschliche wiederum etwas zu kurz. Die Perspektivwechsel zwischen den Hauptcharakteren gefielen mir insgesamt ganz gut. Und obwohl ich weder Täter- noch Opferperspektiven mag, weil ich mich selten mit beiden identifizieren kann, fand ich sie in diesem Buch meist gut gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich andocken konnte. Der Täter war ziemlich schräg, fand ich, und das Ende bzw. die Auflösung hat mich tatsächlich ziemlich überrascht.

Was mir am Plot außerdem gut gefallen hat, war, dass er bodenständig war. An keiner Stelle ist etwas passiert, das ich für völlig absurd gehalten hätte. An keiner Stelle hat ein Charakter sich besonders außergewöhnlich oder unpassend verhalten. Ich hasse es z. B. in Büchern, wenn ein Protagonist in eine völlig ausweglose Situation gerät und sich dann durch Zufall oder eine völlig absurde Idee oder einen unerwarteten Helfer doch noch befreien kann. Ich mag es auch nicht, wenn Charaktere an einer Stelle einen auf besonders tapfer machen, wenn es nicht zu ihnen passt. Das fand ich an dem Buch wirklich bemerkenswert, dass nichts davon zutraf – zumindest in meinen Augen nicht.

Stilistisch fand ich das Buch in Ordnung, aber nicht herausragend. Es hat mich wirklich gut unterhalten. Ich habe mit den Charakteren mitgefiebert und teilweise mitgelitten. Aber es gab keine Formulierungen, bei denen ich gestaunt hätte oder die mir besonders aufgefallen wären. Es war solide und dem Genre angemessen.

Die Charaktere hätten für meinen Geschmack ein bisschen mehr Tiefe vertragen. Über Amelia Sachs fällt mir so im Nachhinein eigentlich nichts wirklich Wichtiges oder Interessantes ein. Sie ist auch nicht langweilig, keineswegs, aber ich kenne eigentlich kaum etwas über ihre Geschichte. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass das Buch der erste Band einer Reihe ist und in den Folgebänden noch mehr enthüllt wird.
Die anderen Charaktere fand ich allesamt ziemlich blass und austauschbar. Ausgenommen vielleicht Rhymes Assistenten, der mir mit seinen Widerworten richtig gefiel. Besonders hat michhingegen genervt, dass Rhyme dem Kriminaltechniker dauernd gesagt hat, was er wie zu tun hat. Ich lasse mir noch eingehen, dass er sich mit Tatortarbeit auskennt, aber dass er sich mit Kriminalistik besser auskennt als ein Mann vom Fach, das fand ich richtig doof.

Und jetzt zu dem Punkt, der mich eigentlich am meisten interessiert hat – die Behinderung. Die Darstellung der Behinderung an sich erschien mir, soweit ich es mit meinem Wissen beurteilen kann, relativ angemessen. Besonders die kleinen Stolpersteine haben mir richtig gut gefallen. Beispielsweise versucht einer Rhyme die Hand zu geben und schnallt dann, dass er den Händedruck nicht erwidern kann – so etwas ist mir auch schon passiert! Solche Begebenheiten werden einige geschildert, und ich fand sie ziemlich authentisch.

Aber, und jetzt kommt das große Aber: Ich schreibe selbst Geschichten. Deshalb weiß ich, dass man sich normalerweise den einen oder anderen Gedanken darüber macht, warum ein Charakter bestimmte Eigenschaften oder Merkmale besitzt und wie ihn diese in seinem Tun beeinflussen. Und daran schließt sich natürlich auch immer die Frage an, welchen Hintergrund er hat und welche Lebenseinstellung.

Und hier nun die Fangfrage: Warum ist ein Charakter behindert? – Tja, warum denn nicht? Mein Eindruck ist, dass Behinderung häufig herangezogen wird, um der Figur ein besonders tragisches Schicksal zu verpassen und einen Leidensweg zu beschreiten. Genau das wurde hier gemacht. Der arme Rhyme, der sein Leben eigentlich nicht als besonders lebenswert betrachtet – ich möchte nicht noch mehr spoilern, aber das sollte auch reichen. Das Klischee wurde aus meiner Sicht voll bedient, und zwischendurch habe ich gedacht: Diese Figur kann nur ein Mensch ohne Behinderung entworfen haben (obwohl ich nicht weiß, ob Deaver nicht eine Behinderung hat, ich konnte aber hierauf bei Wikipedia keinen Hinweis finden).

Das bedeutet natürlich ganz und gar nicht, dass sich jemand nicht so fühlen kann wie Rhyme es in diesem Buch tut. Aber wenn Behinderung immer nur auf diese Art geschildert wird, dann ist das ein Problem. Mein Gefühl war, dass die Behinderung in diesem Buch als etwas Schreckliches beschrieben wird, das das Leben nicht mehr lebenswert macht. Und der Eindruck hat sich bis zum Schluss gehalten, obschon er sich etwas abgeschwächt hat. Ich bin gespannt, ob das Thema sich in den Fortsetzungen weiter hält. Ich hoffe es aber nicht.

Ich habe mich gefragt, ob es vielleicht mit dem Alter des Buches zu tun hat. Es erschien immerhin in den 90er Jahren. Dann fiel mir aber ein, dass die Behindertenbewegung in Richtung Selbstbestimmung bei den Amerikanern noch früher begonnen hat als in Deutschland, und zumindest in Erlangen waren wir schon Anfang der 80er Jahre dabei. Daran liegt es also vielleicht doch nicht.

Vielleicht noch ein kleiner Vergleich für alle, die es nicht gelesen haben: Ich finde, es ist ein bisschen so, wie wenn eine homosexuelle Figur im Buch immer mit ihrer sexuellen Orientierung und dem Coming-out kämpft. Oder wie wenn eine dunkelhäutige Figur in einem Buch immer nur mit dem Thema Rassismus zu tun hat – mich nervt übrigens auch immer tierisch, wenn in jedem Buch der Serbe der böse Mafioso ist 😉 (Das hat natürlich rein gar nichts mit meiner Abstammung zu tun …)

Deshalb stelle ich noch mal die Frage: Warum sollte eine Person nicht einfach so behindert sein? Weil Behinderung eben ein Teil der Gesellschaft ist? Warum sollte eine Person nicht einfach so dunkelhäutig sein? So wie eine andere Figur braun- oder rothaarig ist? Haben wir Menschen mit Behinderung denn keine andere Geschichte als das Leiden angesichts unserer Behinderung?

Advertisements