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Aus gegebenem Anlass, d. h. weil mich mal wieder jemand danach gefragt hat 🙂 möchte ich mich heute den vielen Fragen zum Thema Orientierung widmen. Dieses Thema scheint für viele nicht behinderte Menschen eine Quelle der Faszination zu sein, während die Beantwortung mancher Fragen mich durchaus ein wenig Hirnschmalz gekostet hat. Lest selbst – aber ich sage es gleich vorweg: Ihr braucht einen langen Atem 🙂

Wie findest du dich in einem dir unbekannten großen Raum zurecht? Entsteht in deinem Kopf ein dreidimensionales Abbild des Raumes, auf Grund dessen du dich frei im Raum bewegen kannst?


Das ist eine schwierige Frage, und zwar deshalb, weil in meinem Kopf tatsächlich ein dreidimensionales Bild von dem Raum entsteht. Allerdings ist es keins, das ein Bild im wahrsten Wortsinn wäre, sondern eins ohne visuelle Anteile oder zumindest nur mit sehr wenigen, weil mein Sehrest sehr, sehr klein ist. Es ist eher ein propriozeptiber / akustischer / kinästhetischer Eindruck. Also, wie fühlt sich mein Körper in dem Raum an? Wie hört und fühlt sich das an, wenn ich umhergehe? Wie ist das Echo? Hallt es oder klingt es eher dumpf? Ist der Raum eher leer oder voll? Wie riecht es, und ändert sich der Geruch vielleicht zwischendurch? Fällt irgendwo Tageslicht durch ein Fenster? Wo sind ungefähr die Wände?

Dabei kann ich ehrlich nicht sagen, was das für eine innere Vorstellung ist, denn mit Entfernungen bin ich eigentlich total schlecht. Es hängt natürlich sehr von dem Raum ab und wie gut ich ihn erkundet habe. Bei manchen Räumen, z. B. einem Hörsaal, habe ich eigentlich nur von den Teilen ein genaueres Bild, die ich auch selbst besucht habe, also meistens der vordere Teil. Weiterhinten ist es nur ein Raumeindruck, der durch Erfahrung konstruiert ist, z. B. dass ich höre, wer wo sitzt und wie sich das anhört, und weiß, dass also bis da oben Stühle sein müssen. Oder wenn ich dort irgendein bestimmtes Geräusch höre, kann ich annehmen, dass sich dort dieses oder jenes Gerät oder eine Tür usw. befindet. Aber ob das dann auch der Wirklichkeit entspricht, weiß ich nicht, weil mein Hirn ja den Rest des Raumes sozusagen aus Erfahrungen zusammengebaut hat.

Wie nimmst du große leere Plätze wahr? Ist das eine angsteinflößende leere Fläche ohne Orientierungspunkte oder hast du da einen Kniff?

Ich hasse Plätze 🙂 Parkplätze übrigens ganz besonders. Ich hasse sie, wenn sie leer sind, aber auch wenn sie besetzt sind, weil die Autos ja immer woanders parken. Einen Alround-Kniff hab ich leider noch nicht gefunden und weiß auch ehrlich gesagt nicht mehr, was ich darüber im Mobilitätstraining gelernt habe.

Generell finde ich weite Plätze ohne Orientierung schwierig, weil es einfach keinerlei Leitlinien gibt und man im wahrsten Sinne des Wortes blind ins Nichts läuft. Ein paar Plätze beherrsche ich ein bisschen, z. B. unseren Hugenottenplatz. Das ist ein großer Platz mit verschiedenen Buseinfahrtssteigen, und es gelingt mir meist, mich an immer derselben Seite des Platzes entlangzubewegen. Ich muss sehr häufig darüber laufen, seit ich in der Innenstadt wohne, und ich habe festgestellt, dass das wirklich hilft. Mein Kampfsportlehrer hat mir beigebracht, dass Routine und Wiederholungen wichtig sind, und wenn man mehr richtige als falsche Wiederholungen drin hat, dann reicht das, um zu lernen 🙂

Letztens habe ich festgestellt, dass das wirklich stimmt. Ich habe bemerkt, dass ich mittlerweile komplett ausschalte, wenn ich über den Platz laufe, und einfach meinen Körper tun lasse, wie er es sich angewöhnt hat. Als mir das auffiel, habe ich automatisch mehr darauf geachtet, was um mich herum passiert, und dabei fiel mir auf, was denn an diesem Tag anders klingt, riecht und sich anfühlt als sonst. Und prompt habe ich mich verlaufen. Trotzdem mag ich den Platz einfach nicht und meide ihn, wann immer es geht und der Umweg nicht allzu groß ist.

Bei anderen Plätzen, die ich nicht so oft besuche, ist es schon problematisch, weil es Stellen gibt, wo ich mich regelmäßig verlaufe. Und gerade auf Parkplätzen, die immer anders beparkt sind, ist es unheimlich schwer, das richtige Gefühl zu bekommen. Man muss ja jedes Mal anders laufen, wenn z. B. da, wo gestern noch alles frei war, heute Autos stehen. Das macht es recht schwer, eine Routine zu entwickeln. Angsteinflößend würde ich das jetzt nicht nennen, aber ein gewisses Unbehagen ist natürlich schon vorhanden. Wenn man auf einem Platz die Orientierung verliert und es keine festen Größen wie z. B. eine viel befahrene Straße daneben gibt, dann kann man durchaus eine Zeitlang herumirren, bis ein netter Mensch sich erbarmt oder man doch wieder weiß, wo man ist.

Was auch damit zu tun hat, ist das diagonale Durchqueren von Räumen bzw. Überqueren von Plätzen. Viele blinde machen das gar nicht, sondern laufen den längeren Weg am Rand entlang. Ich selbst gehe schon mal schräg, kann das aber auch nicht besonders gut. Wenn ich mich z. B. an einer Ecke ausrichte und schräg einen Raum durchquere, kann es sein, dass ich nicht in der diagonal gegenüberliegenden Ecke ankomme, sondern schon früher an eine Wand stoße, von der aus ich dann wieder die Ecke suchen muss.

Woran das liegt, weiß ich nicht genau, aber wahrscheinlich an meiner Unfähigkeit, Entfernungen richtig einzuschätzen, denn davon hängt ja gerade in einem rechteckigen Raum ab, wie steil die Schräge sein muss. Wenn man gar nichts sieht und vielleicht auch noch ganz schlecht im Echolocating (siehe unten) ist, dann kann das richtig schwer sein. Aber vielleicht hängt es auch mit der Übung zusammen. Ich stell mir vor, dass man das immer wieder machen muss, in ganz vielen unterschiedlichen Räumen,bis es irgendwann klappt. Ich persönlich bin der Typ, der nicht gerne Umwege geht, insofern nehm ich so eine Herausforderung auch gerne mal an 🙂 Aber es ist wirklich schwierig.

Sagen dir Daniel Kish und Echolocating was? Kennst du das schon/kannst du das auch?

Ja und ja 😉

Ich kenne das und nutze das selber auch, allerdings ist Kish sicher einer derjenigen, der es zur Perfektion gebracht hat. Soweit ich weiß, macht er ja klickende Geräusche mit der Zunge, anhand derer er hört, wo er ist, was sich um ihn herum befindet und wohin er gehen muss. Ich meine, dass er sich sogar ganz ohne Hilfsmittel fortbewegen kann und sogar alleine Fahrrad fährt.

Ich persönlich würde mich nicht nur anhand von Echos herumlaufen trauen. Ich verfehle ja schon in 75 % der Fälle meine Eingangstür, wenn ich versuche, sie mit dem Echo zu orten. Aber ich glaube, ich muss mich einfach mehr konzentrieren. Es ist eine Übungssache.

Interessant ist allerdings schon, dass die Echos, die das eigene Klicken mit der Zunge verursachen, offenbar wirklich gut geeignet sind die Umgebung zu „erhören“. Ich persönlich mag es nicht so gerne klickend in der Gegend herumzulaufen, denn man wird als Behinderter von den meisten Leuten eh als irgendwie seltsam betrachtet. Wenn man so rumläuft, denken die Leute, man hätte einen an der Waffel. Ich finde es toll, wenn Menschen sich über solche Konventionen hinweg setzen, aber ich bin dazu nicht schambefreit genug, als dass mir das Gerede anderer egal wäre.

Ich hab verschiedene Dinge ausprobiert, z. B. mit dem Schlüssel zu klackern, auf die Absätze meiner Schuhe zu hören, mit den Fingern zu schnipsen (was auch schon grenzwertig ist 🙂 ) oder ähnliches. Meistens nutze ich das Geräusch, das mein Stock produziert, das ist auch hilfreich, aber nichts davon ist so effektiv wie das Zungenschnalzen, ist jedenfalls mein Eindruck.

Anhand des Geräusches kann man tatsächlich so einiges hören, z. B. ob man von Gebäuden umgeben wird oder ob es um einen herum leer ist, ob die Gebäude hoch oder nicht so hoch sind. Man kann hören, ob Bäume oder Büsche in der Nähe sind oder Pfahle, an denen man sich stoßen könnte oder Autos oder so, wobei ich mich leichter tue größere Gegenstände zu orten als kleine. Inzwischen werden aber auch in Deutschland Seminare zu diesem Thema angeboten, und ich denke, ich werde mal eines besuchen, wenn ich wieder darauf stoße. Vielleicht kann ich dort ja wirklich noch was lernen.

Eine Sache ist mir übrigens noch aufgefallen, und das hat mich absolut fasziniert. Das Gehirn ist ein verrücktes Organ. Da ich oft gefragt werde, wie viel ich noch sehe, habe ich mich immer mal wieder mit diesem Thema beschäftigt. Mir fiel auf, dass ich auch tagsüber manchmal Bilder meiner Umgebung vor Augen habe, obwohl es gar nicht hell genug dafür ist. Und je besser das Echo von was auch immer meine Umgebung wiedergibt, desto besser sind auch die Bilder.

Ich habe mich eine Zeitlang gefragt, ob es vielleicht doch an den Lichtverhältnissen liegt und ich nicht doch noch etwas sehe. Aber dann habe ich den Test gemacht und meine Augen geschlossen. Das schwierige ist, die Aufmerksamkeit nicht darauf zu lenken, die Augen geschlossen zu halten, denn obwohl ich nichts sehen kann, mag ich das unterwegs überhaupt nicht und tendiere bei so einem Test immer wieder dazu, sie zu öffnen.

Das Ergebnis hat mich dann aber doch nicht sonderlich überrascht. Obwohl ich die Augen zu hatte, waren die Bilder immer noch da. Sie scheinen auch nicht wirklich vor meinen Augen zu sein, sondern eher in meinem Kopf, und genauso wird es vermutlich auch sein. Wenn ich abends irgendwo herumlaufe, wo ich noch etwas sehe, dann bastelt mein Gehirn scheinbar tagsüber dieses Bild in meine sonstigen Eindrücke mit hinein, wenn ich an demselben Ort unterwegs bin. Das klappt nicht absolut zuverlässig, aber ist immerhin so stark vorhanden, dass es mir aufgefallen ist.

Wie orientierst du dich auf der Straße?

Hier nutze ich hauptsächlich das Klackern meines Stocks und die anderen Geräusche um mich herum. Anhand dessen weiß ich, wo ich mich befinde, z. B. wenn ich in der Stadt am Drehorgelspieler vorbei gehe, weiß ich, dass gleich der Marktplatz kommt oder irgendwas anderes, der hat immer zwei oder drei Plätze, wo er steht. Oder die Galeria Kaufhof hat ein ganz charakteristisches Summen am Eingang. Der Stock selber hilft eher, weil das Klackern darüber Auskunft git, was um mich herum ist, z. B. ob es hohe oder flache Häuser sind, ob da irgendwo in der Nähe ein Auto steht o. ä. Das geht über Echolot, aber ich bin darin glaub nicht so wahnsinnig gut. Ich versuche meine Wege mit möglichst wenig Konzentrationsleistung hinter mich zu bringen 🙂 Außerdem bin ich meistens zu schnell unterwegs, um auf bestimmte Höreindrücke noch rechtzeitig reagieren zu können.

Gerüche spielen auch eine wichtige Rolle, obwohl ich ganz schlecht darin bin, sie zu unterscheiden. Gewürzeraten würde ich z. B. haushoch verlieren! Aber ich weiß, dass es neben dem Thalia nach Papier und Tinte riecht, zumindest wenn Bücher draußen stehen. Beim Teeladen riecht es nach Tee, und wenn ich den Fischgeruch in der Nase habe, weiß ich, dass ich bei Nordsee bin, und finde anhand dessen Geschäfte in der Nähe.

Bei der Akustik sind Wind und Wetter allerdings Mist. Regenschauer hasse ich z. B., oder wenn es weht. Dann klingt alles ein bisschen anders und die Geräusche werden teilweise auch verweht, was das Einschätzen von Entfernungen noch schwieriger macht.

Woher weißt du, wan es grün ist?

Gar nicht. Ich stehe auf den Thrill, bei Rot über die Straße zu gehen!

Ok, das ist natürlich völliger Quatsch, zumindest die Sache mit dem Thrill. Grundsätzlich lernt man so etwas im Mobilitätstraining. Viele Kreuzungen und Ampeln sind so geschaltet, dass es für den Fußgänger dann grün ist, wenn der Verkehr in der Straße anfährt, die sich parallel zu einem befindet.

Daneben gibt es aber auch Ampeln mit mehr Spuren, Rechts- und Linksabbiegerspuren beispielsweise, die anders getaktet sind. Ich weiß noch, dass ich einmal eine Mobilitätsstunde zu diesem Thema hatte und das ziemlich kompliziert fand. Deshalb frage ich nach, wenn jemand da ist. Aber wenn niemand da ist, dann ist das manchmal ziemliches Pech und man steht schon mal ein paar Minuten herum, bis jemand kommt.

Manchmal gehe ich auch einfach, wenn gerade keiner kommt. Das passiert z. B. dann, wenn man abends irgendwo unterwegs ist und die sonst so viel befahrene Straße ruhig da liegt. Wenn nämlich kein Parallelverkehr anfährt, weil kein Auto da ist, dann guckt man ziemlich dumm aus der Wäsche. Und deshalb brauchen wir mehr Blindenampeln, v. a. im Zuge der Elektrifizierung des Autoverkehrs, die sicher in den nächsten Jahren kommen wird. Wenn ihr jemand mit Elektroauto kennt, dann stellt euch mal mit geschlossenen Augen an die Straße und lasst ihn reinfahren. Es ist echt spooky, wie leise diese Fahrzeuge sind. Aber ich schweife ab.

Wie orientierst du dich im Schwimmbecken oder in Naturgewässern?

Wir hatten in der Blindenschule Schwimmunterricht, und ich bin früher sehr gerne geschwommen und tue es auch heute noch manchmal. Die Orientierung im Becken ist eigentlich relativ einfach. Ich schwimme am langen Rand entlang, der dann rechts oder links von mir ist. Ich stoße ihn dann mit einer Hand meist leicht an und weiß, dass ich halbwegs gerade unterwegs bin. Manchmal bekomme ich auch eine Bahn abgetrennt, was dann natürlich besonders komfortabel ist. Den Kopf habe ich mir sehr selten gestoßen. Das Problem taucht ja meist nur am Ende der Bahn auf, wenn man den letzten Zug macht.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was mir da hilft. Zuerst wollte ich schreiben, dass es mehr gluckert, weil das Wasser da ja in den Filter läuft. Wahrscheinlich stimmt das auch ein bisschen, aber ich habe oft auch meinen wasserdichten MP3-Player in den Ohren und höre dann nicht mehr so viel, also ist da wohl auch noch ein anderer kinästhetischer Eindruck. Der Rand ist an Schwimmbädern ja meist etwas höher als der Wasserspiegel, und das hilft auch. Ich glaube, ich sehe da vielleicht auch noch ein bisschen, dass es etwas dunkler wird vor meinen Augen. Aber ich weiß es, wie gesagt, nicht so genau. Ich komme auch meist mit den Schwimmzügen so hin, dass ich gerade gestreckt im Wasser liege und dann mit den Händen anstoße.

In Naturgewässern ist es ein bisschen anders. Ich war ein paarmal am Meer oder an einem See oder in einem Fluss. Dort schwimme ich meist längs zum Ufer, also nicht besonders weit hinaus, und orientiere mich an den Geräuschen, die vom Strand herüberschallen. Meistens klappt das, aber ich würde auch nicht ganz alleine ins Wasser gehen. Da sind eigentlich immer Freunde oder Verwandte dabei. Ich schwimme in Naturgewässern dann auch meist auf einer Höhe, wo ich noch bequem stehen kann, und prüfe dann immer mal wieder mit den Füßen, ob der Boden noch in Reichweite ist. Manchmal bekomme ich dann auch einen richtigen Schrecken, wenn ich nach unten taste und da nur Wasser zu finden ist. Und vor Flüssen habe ich sehr viel Respekt. In Serbien gab es viele Stellen, wo man an der Donau oder der Save baden durfte, aber mit der Strömung sollte man nicht spaßen.

Am liebsten schwimme ich übrigens bei Schifffahrten auf offenem Meer. Es gibt ja auf Schifffahrten manchmal solche Angebote. Da kann ich dann wie im Schwimmbad an dem stehenden Schiff entlang schwimmen. Und es ist schon ein Erlebnis, wenn man vom Schiff ins Meer springt und eben nicht mit den Füßen am Boden anstößt, sondern einfach durch den Auftrieb wieder hoch kommt. Am schwierigsten finde ich es übrigens, vom Wasser aus wieder den Platz am Strand zu finden, wo ich meine Sachen abgelegt habe 😉

Fazit

Wer bis hierhin durchgehalten hat, dem gebührt mein Respekt. Der Eintrag ist wirklich lang geworden, aber die Fragen gehören alle zusammen, und ich wollte alles so anschaulich wie möglich schildern. Ich hoffe also, dass ihr jetzt umfassend zum Thema Orientierung informiert seid, und falls doch noch Fragen offen sind, dürft ihr auch gern die Kommentarfunktion nutzen.

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