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Seit ich im Bereich der Inklusion tätig bin, höre ich immer wieder Sätze wie: „Behinderte fordern ihr Recht nicht ein“ oder „Es gibt keinen Bedarf“. Da mich das regelmäßig auf die Palme bringt, habe ich beschlossen, ab jetzt stur mein Recht einzufordern. Und wieder einmal habe ich festgestellt: Das mit den barrierefreien Bescheiden müssen wir noch üben.

Berufsgenossenschaft für Gesundheitsfürsorge und Wohlfahrtspflege

Da bin ich eigentlich nur drin, weil ich Arbeitgeberin für meine Assistentin bin und somit als selbständig gelte. Da ich in letzter Zeit immer wieder Briefe von denen bekommen habe, die ich nicht gut lesen konnte und die doppelseitig beschrieben waren – was ich erst herausfand, nachdem ich die ungeraden Seiten eingescannt hatte … Nun ja, ich hatte einfach keine Lust mehr auf den Papierkrieg. Also bat ich schriftlich um einen Bescheid als barrierefreies Pdf oder wahlweise in Brailledruck.

Beim ersten Mal hat diese Bitte noch nicht gefruchtet. Ich fürchte, sie ging irgendwo im Äther verloren. Nachdem ich dann aber wieder irgendein Schreiben bekam, wo ich irgendwas bezahlen sollte 😉 dachte ich, nö, ich rühr keinen Finger, bis das nicht so kommt, dass ich es lesen kann.

Natürlich habe ich dann doch so weit einen Finger gerührt, dass ich noch mal einen Brief geschrieben habe. Und siehe da! Ich erhielt eine wirklich sehr freundliche E-Mail, dass ich in Zukunft meinen Bescheid als Pdf bekäme – der Herr entschuldigte sich sogar, dass dies in der Vergangenheit nicht passiert ist. Ich glaube, das hatte ich wirklich noch nie! Er teilte mir außerdem als Antwort auf meine zweite Nachfrage mit, dass ich die entsprechenden jährlichen Angaben auch per E-Mail abgeben könnte und was ich hierfür angeben müsse. Wirklich super unkompliziert!

Das BAFÖG-Amt

Autsch! Die hatte ich ja völlig ausgeblendet! Mit meinem Sachbearbeiter hatte ich vor 10 Jahren schon mal Streit, weil er sich weigerte, mir die Bescheide barrierefrei zuzustellen. Ich sollte ihm doch erst mal den Paragraphen und die Rechtsverordnung nennen, bevor er das macht. Obwohl das ja nun wirklich nicht mein Job ist, habe ich das damals getan und er hat sich der Sache gebeugt.

Ans Bundesverwaltungsamt wurde das leider nicht weitergetragen, und obendrein hatte ich vergessen, denen meine neue Anschrift zu melden. Das kostet gleich mal 25 Euro pauschal. Na ja, selbst Schuld, das macht mich nun auch nicht arm. Aber ich dachte mir, nö, ich rühr keinen Finger – ihr wisst schon.

Tatsächlich hat das auch geklappt. Ich bekam den Bescheid ebenfalls per E-Mail mit einer ebenfalls recht netten Mail dazu. Barrierefrei waren beide Bescheide allerdings nicht.

Das müssen wir noch üben

Es ist schon ziemlich witzig. Wenn ein Fahranfänger zum ersten Mal ins Auto steigt, hat er oft schon theoretische Dinge über Verkehrsverordnungen etc. gelernt. Er würde nicht auf die Idee kommen zu hinterfragen, warum er einen Strafzettel fürs Falschparken bekommen hat. Er weiß, dass das gesetzeswidrig ist, und er weiß auch,was er tun muss, um das Gesetz zu befolgen.

Nicht so in Sachen barrierefreie Dokumente. Das Gesetz dazu ist ja gut und schön, aber Papier ist ja bekanntlich sehr geduldig. Es ist schon mal ein großer Fortschritt, wenn jemand in der Verwaltung oder den Behörden davon gehört hat, dass es so was gibt. Es ist noch ein guter Schritt, wenn man dann endlich auch mal ein Dokument erhält, das zumindest lesbar ist. Aber den letzten Schritt, auch wirklich ein barrierefreies Dokument zu verschicken, den ist bisher eigentlich nur meine Sachbearbeiterin aus dem Integrationsamt allein gegangen. Es herrscht einfach zu wenig Wissen darüber, und die meisten haben vermutlich auch kaum Zeit, sich das mal eben nebenher selbst anzueignen. Das hängt sicher auch davon ab, wie gut man das verwendete Textverarbeitungsprogramm beherrscht.

Trotzdem gibt mir das Gesetz Recht. Aber davon kann ich mir nichts kaufen, denn ich muss ja erst mal schlau genug sein, den Leuten zu erklären, was ich von ihnen erwarte. Jemand, der keine Ahnung von barrierefreien Dokumenten hat, würde vielleicht sogar denken, dass das, was er bekommt, auch barrierefrei ist. Und dann kommt wieder irgendein schlauer Fuchs daher und sagt, dass kein Bedarf besteht.

Barrierefreie Dokumente – was ist das eigentlich?

Viele Menschen denken, wenn sie irgendwo was groß und fett formatiert haben, ist ihre Schuld getan, aber leider ist dem nicht so. Für barrierefreie Dokumente braucht es ein bisschen mehr als Formatierungen und die Tabulatortaste.

Ganz vereinfacht gesagt ist es so, dass das Bildschirmausleseprogramm die Informationen über die Dokumentstruktur aus der Datei ausliest und sie vorliest bzw. dem blinden Menschen zur Verfügung stellt. Wenn aber keine Informationen darüber zur Verfügung stehen, dann wird der gesamte Text am Stück angezeigt, ohne Möglichkeiten zur Navigation. Stellt euch vor, ihr lest einen 30seitigen Text, der völlig unformatiert ist. Das wäre für euch vermutlich ziemlich nervig und anstrengend, weil ihr nicht wisst, wo ein neues Kapitel beginnt und weil ihr euch immer Markierungen machen müsstet, wenn ihr eine Pause macht. Wenn ihr nun denken solltet, das sei eine Seltenheit, muss ich euch enttäuschen. Uns blinden Menschen begegnen eigentlich nur solche Dokumente, von einigen Internetseiten einmal abgesehen. Warum?

Ganz einfach: Man muss der Sprachausgabe sagen, dass jetzt z. B. eine Überschrift oder eine Liste oder eine Tabelle kommt. Das schafft man, indem man vordefinierte Formatvorlagen nutzt. Wenn ihr z. B. in Word auf Formatvorlagen klickt und dann auf Überschrift eins, dann wird nicht nur der Text anders formatiert, sondern es wird eine Strukturinformation hinterlegt. Die Sprachausgabe weiß dann: Aha, hier kommt eine Überschrift. Wird aber nur fett und größer formatiert, fehlt diese Information. Die Sprachausgabe weiß dann nur: Hier ist Text.

Dasselbe passiert, wenn ihr rechts und links irgendwelche Sachen untereinander ordnet und die Abstände mit Hilfe der Tabulatortaste regelt. Für das sehende Auge sieht das dann schick zweispaltig aus. Die Sprachausgabe weiß aber nur: Hier ist Text. Ich lese also immer noch zeilenweise. Ich sehe, was in der ersten Zeile der ersten und in der ersten Zeile der zweiten Spalte steht und muss dann z. B. beim ersten Teil jeder Zeile weghören, wenn mich nur die zweite Spalte interessiert.
Wenn ich eine Tabelle einfüge, sage ich der Sprachausgabe: Hier ist eine Tabelle. Dann kann ich die Spalten einzeln annavigieren. Ich bekomme dann jeweils nur den Inhalt einer gesamten Zelle vorgelesen, der sich aber wiederum über mehrere Zeilen erstrecken kann. In diesem Fall spielen die Zeilen aber keine Rolle, weil die Sprachausgabe weiß, was wo hingehört und was zusammen gehört.

Aus diesem Grund ist es wichtig, die Infos über die Struktur von Dokumenten zu hinterlegen. In den emisten Programmen ist es nicht sehr schwer, das zu machen, und es kostet auch kaum Aufwand, auf die Überschriften Vorlage zu klicken. Allerdings sind die dann manchmal nicht so formatiert, wie man sie gern hätte, weil sie von Word natürlich vordefiniert sind. Man kann auch benutzerdefinierte Überschriftenvorlagen anlegen, aber das erfordert dann schon ein gewisses Knowhow. Hier würden die EDV-Betreuer in Behörden so manchen guten Dienst leisten, wenn sie das einfach mal übernehmen würden.

Der Krieg geht weiter

Warum erzähle ich euch das alles? Ganz einfach. Weil der Krieg noch lange nicht zu Ende ist. Heute wollte ich nun endlich die ausstehenden Beträge überweisen. Aber es wäre doch langweilig, wenn alles reibungslos klappen würde, oder?

Im Bescheid des Bafög-Amtes standen die Kontodaten allerdings in der Fußzeile, die ich in Word für Windows nicht aufrufen konnte. Mit Office XP war ich wirklich ein ziemlicher Office Crack. Ich kannte sehr viele Funktionen und wusste, wo sich was befindet. Seit Office 2010 ist alles etwas schwergängiger für mich. Obwohl ich inzwischen halbwegs zurechtkomme, gibt es immer noch Funktionen, die ich nicht wiederfinde. Hierzu gehört auch das Anzeigen der Kopf- und Fußzeilen. Also habe ich es am Mac versucht. Dort wurde mir der Text auch angezeigt, aber leider gab es dort wieder was Schickes mit Tabulatoren. Links stand die Postanschrift einschließlich aller ÖPNV-Linien und Haltestellen. Rechts standen die Kontodaten und ganz unten war noch ein seltsames Feld, wo eine Zahlenreihe von 1-9 und dann als Datum noch der 24.06.2015 stand, allerdings ohne die Punkte dazwischen. Von Übersichtlichkeit keine Spur. Und von der einen Nummer, die ich im Verwendungszweck angeben sollte, leider auch nicht. Also habe ich da wieder mal eine Mail rausgeschickt und hoffe auf baldige Antwort.

Der Bescheid des BGW sah ehrlich gesagt kaum besser aus. Im Gegenteil: Er mutete wie ein gescanntes Dokument an, das durch eine Texterkennungssoftware geschickt wurde. Woran ich das erkenne? Ich bin halt eine schlaue Füchsin 😉

Nein, Spaß beiseite. Texterkennungssoftware nutze ich bereits seit 15 Jahren. Es gibt ganz bestimmte Buchstabenkombinationen, die von diesen Programmen in bestimmten Programmversionen nicht so gut erkannt werden. Da wird das Wort Betrieb z. B. zum Wort Betneb, weil „ri“ als „n“ erkannt wird – und noch einige mehr. Jedenfalls fand ich diese Fehler in dem Text, was mir sagt, dass es wohl ein Scan war.

Immerhin finde ich es gut, dass sie es mir nicht als reine Grafik zugesandt haben. Und der Mann schrieb in seiner Mail, ich könne mich bei Problemen mit dem Pdf an ihn wenden. Genau dieses habe ich getan, denn ich konnte zwar den Text lesen, aber witzigerweise konnte ich hier die Kontodaten ebenfalls nicht finden. Und ich weiß nun nicht, ob sie einfach nicht lesbar sind für mich oder ob sie nicht drauf stehen.

Fazit

Ich weiß ehrlich gesagt gerade nicht, ob es nicht einfacher gewesen wäre, mir einfach ein Auge meines Vertrauens zu schnappen und das ganze Zeug von einer sehenden Person erledigen zu lassen. Und genau das ist es, was ich meine. Jemand, der nicht davon betroffen ist, kann leicht sagen „Fordere dein Recht ein.“

Das tue ich ja sehr gerne, aber wenn ich dann auch noch den Leuten erklären muss, wie sie ihren Job zu machen haben, und dann auch noch ständig Rückfragen machen muss, weil ich keine barrierefreien Dokumente erhalte, dann raubt mir das Energie, die ich anderswo gut gebrauchen kann. Und man darf dabei nicht vergessen, dass es ja nicht nur dieser eine Bereich ist, der Energie raubt, sondern im Endeffekt alle Lebensbereiche, weil es überal jede Menge Barrieren gibt – seien es die Hindernisse auf der Straße oder die Haushaltsgeräte, deren Bedienungsanleitungen man nicht versteht bzw. nicht auswendig kennt oder oder oder – und für viele dieser Bereiche besteht nicht mal eine gesetzliche Grundlage oder ein Recht, das sich einfordern ließe, denn hier wurde wieder einmal eine Chance vertan.

Wer jetzt denkt, das klinge irgendwie jammrig oder ich wäre total ausgelaugt von den ganzen Dingen, die auf mich einprasseln, der sei versichert, dass ich gut klarkomme. Natürlich jammern wir hier auf hohem Niveau. Einerseits. Andererseits wollen wir aber auch, dass es weiter voran geht. Wir müssen uns mit Dingen beschäftigen, die für die meisten Menschen ziemlich selbstverständlich sind. Und nicht nur das. Wir müssen uns mit Kompromissen herumschlagen, die „normale“ Menschen sicher nicht dulden würden. Wer meinen Blog regelmäßig liest, kann sicher einige Beispiele aufzählen. Und man sieht auch sehr gut, dass sich vieles immer wieder wiederholt, ohne dass eine Besserung eintritt. Also ja, es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und umso schlimmer finde ich es, wenn andere Leute, die auch eine Behinderung haben, hingehen und Dinge schön oder klein reden. A la „Du kannst nicht erwarten, dass dieses oder jenes zur Verfügung steht oder eintritt oder was auch immer“. Doch, das kann ich, und ja, das will ich.

Natürlich mache ich nicht täglich ein Drama daraus, dass ich irgendein Formular nicht selbständig ausfüllen oder irgendwo nicht allein die Ampel überqueren konnte. Aber wenn mich jemand fragt, ob wir barrierefreie Formulare oder Blindenampeln oder alles andere brauchen, was Zugänge sichert und Barrieren abbaut, dann lautet meine Antwort ganz klar: Ja unbedingt!

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