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Wenn man erst einmal eine Zeitlang im Bereich Inklusion gearbeitet hat, glaube ich, kann man gar nicht anders, als neue Orte aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Deshalb hier mal ein kleiner Reisebericht von mir aus Mallorca.

Warum Mallorca?

Gute Frage. Eigentlich gehört Mallorca zu den Orten, die mich so überhaupt nie gereizt haben. Was will ich Urlaub an einem Ort machen, wo es eh fast nur deutsche Urlauber gibt? Aber da ich nicht besonders gut geplant hatte und deshalb schnell entscheiden musste, buchte ich es ein paar Tage vor der Abreise. Da ich keine Zeit mehr hatte, im Hotel nach den Möglichkeiten für verträglichkeitsorientiertes Essen zu fragen, buchte ich nur ein Appartment mit Übernachtung für mich und meine Begleitung. Ich wollte einfach nur ein paar Tage weg, nachdem ich meine Probezeit bestanden, aber dafür 6 Monate keinen Urlaub gehabt hatte.

An- und Abreise

Ich hasse es, stundenlang am Flughafen zu sitzen. Deshalb investierten wir 20 Euro in den Vorabendcheckin und schlugen morgens erst eine dreiviertel Stunde vor Abfug im Flughafen auf. Davon abgesehen gab es zwischen der An- und Abreise einen recht interessanten Unterschied. Als wir unsere Boarding Karten in Deutschland bekamen, wurden wir instruiert, auf die Boardinggruppe zu achten und erst einzusteigen, wenn unsere Gruppe aufgerufen wurde. Dieselbe Instruktion bekamen wir auch auf Mallorca. So weit, so gut.

Als wir in Deutschland eincheckten, erhielten wir zwei Sitzplätze nebeneinander. Auf Mallorca war dies nicht möglich. Ich vermute, dass viele Leute online eingecheckt hatten, denn wir kamen trotz einer turbulenten 3stündigen Busreise fast zwei Stunden vor Abflug am Flughafen an. Plätze für Menschen mit Behinderung und ihre Begleitungen scheint es bei Air Berlin nicht zu geben. Jedenfalls konnte die Frau am Schalter nichts für uns tun und bat uns, das Problem mit den Flugbegleitern im Flugzeug zu lösen.

Das ärgerte mich ein bisschen. Es ist natürlich nicht so, als ob ich nicht alein im Flugzeug sitzen könnte. Ich brauche niemanden, der mir die Hand hält. Ich leide nicht an Flugangst 😉 Aber trotzdem mag ich es einfach nicht. Ich mag es z. B., wenn meine Begleitperson mir sagt, dass die Stewardess gleich kommt. Oder vielleicht muss ich ja auch einmal auf die Toilette und möchte da nicht alleine durchs Flugzeug irren oder mich von Fremden hinbringen lassen – letzteres hasse ich ganz besonders. Das ist alles zwar nicht schlimm, aber aus meiner Sicht unnötig. Außerdem gibt es ja auch Menschen, die deutlich schwerer behindert sind und auf ihre Begleitung angewiesen.

Im Flugzeug selbst war es dann aber doch noch lösbar. Ein Herr erklärte sich bereit, den Platz am Notausgang zu belegen, damit er dann auch mit seiner Freundin zusammen sitzen konnte, und ich konnte mich zu meiner Begleitung rübersetzen und hatte sogar noch einen Platz in der Reihe frei 😉

Beim Boarding fiel mir eine Sache besonders auf. In Deutschland wurden zunächst die Reihen 1-15 aufgerufen. Danach dann die restlichen Reihen. In Spanien wurden zunächst die Leute mit Bonuscard, Businessclass und diejenigen aufgerufen, die Hilfe beim Einsteigen brauchen. Ich interpretierte das so, dass damit Leute gemeint waren, die Assistenz angemeldet hatten, und blieb sitzen. Als ich dann mit meiner Boardinggruppe einstieg, sagte die Person am Boarding, wir hätten auch vorher schon einsteigen können, also zusammen mit denen, die Hilfe beim Einsteigen brauchen. Das fand ich sehr aufmerksam.

Das Hotel

An Hotels mag ich, dass ich mich um nichts kümmern muss. Allerdings finde ich vor allem Hotelanlagen mit mehreren Gebäuden erst mal unübersichtlich, und ich könnte zunächst einmal eine Mobilitätsstunde gebrauchen, um mich zurechtzufinden. Also kann ich nicht ohne Begleitung hinausgehen. Nicht, dass ich das müsste, aber es ist einfach ein Gefühl der Abhängigkeit, das ich nicht mag.
Generell wäre es aber durchaus möglich gewesen, sich in dieser Anlage zurechtzufinden, wenn ich mir einfach die Zeit genommen hätte, mir die Wege anzuschauen.

Es gab im Hotel, soweit ich mich erinnere, keine Schwellen. Außerdem war der Aufzug mit Sprachausgabe, Braillebeschriftung und erhabenen Ziffern ausgestattet. Das fand ich richtig super. Die Sprachausgabe teilte in Englisch und Spanisch mit, auf welchem Stockwerk man sich eingefunden hat, und sogar, ob man aufwärts oder abwärts fuhr -allerdings dieses erst, wenn man drin war. Das fand ich seltsam, weil ich dachte, dass man das doch eh merkt. Aber vielleicht gibt es ja auch Leute, die Probleme mit der kinästhetischen Wahrnehmung haben und solche Infos hilfreich finden.

Mit dem Lift endete aber die Barrierefreiheit auch schon. Das Zimmer besaß eine stufenlos begehbare Dusche, was ich toll fand, aber die Tür war für einen Rollstuhl viel zu eng, und auch in die Dusche wäre der nicht so ohne Weiteres hinein gekommen. Ein beweglicher Rollstuhlfahrer hätte das Zimmer vermutlich nutzen können, aber jemand im E-Rolli hätte keine Chance gehabt. Ich weiß allerdings auch nicht, ob das überhaupt ein barrierefreies Zimmer sein sollte. Es gab nämich auch keine Griffe an der Toilette, und insgesamt wirkte es ein bisschen wie gewollt und nicht gekonnt. Aber es war annehmbar sauber, und ich selber sitze ja nicht im Rollstuhl.

Das Essen

Die Sache mit dem Essen gestaltete sich etwas abenteuerlich. Es gab in dem Ort, in dem wir waren, einige Supermärkte, aber nur in einem gab es auch glutenfreies Brot zu kaufen. Davon abgesehen standen die Zutatenlisten in verschiedenen Sprachen auf den Produkten, aber deutsch war selten dabei. Auch Englisch war nicht immer vertreten. Ich hatte zwar mein Schulspanisch im Laufe der Woche auf Mallorca wieder etwas reaktiviert, aber ich habe nie gelernt, wie verschiedene Mehlsorten oder sonstige Lebensmittelbestandteile auf Spanisch heißen. Leider hat auch mein Internet nicht funktioniert, obwohl ich es u. a. extra hierfür gebucht hatte. Also war es manchmal doch ein ziemliches Ratespiel.

Ich habe dreimal im Hotel ein Frühstück gebucht. Dort gab es immerhin täglich einen glutenfreien Tisch. Es gab glutenfreies Brot, aber zum Belegen gab es streng genommen außer Margarine und Marmelade nichts, was ich hätte essen dürfen. Es gab glutenfreies Müsli, aber keinen Milchersatz oder Joghurtersatz. Es gab Wurst, aber es standen natürlich die Zutaten nicht dabei. Usw. usw. Ich habe also das eine oder andere Mal relativ erfolgreich gesündigt. Und zugegeben: Meine Essenseinschränkungen sind schon sehr speziell. An dieser Stelle funktioniert die Teilhabe nicht einmal in Deutschland besonders gut, und ich hatte es auch nicht wirklich anders auf Mallorca erwartet. Unterm Strich war ich eigentlich sogar sehr zufrieden. Dass ich am Ende des Urlaubs eine ziemlich fiese Erkältung bekam, halte ich allerdings nicht mehr für einen Zufall, denn das ist mir schon zweimal passiert, nachdem ich beim Essen mehr gesündigt hatte, als ich sollte.

Unterwegs etwas zu Essen zu finden war schon etwas anspruchsvoller. Vorausgesetzt, man wollte sich nicht immer nur von Pommes und Salat ernähren. Aber es ging für eine Woche ganz gut. Mehr hätte ich aber nicht gewollt, und ich war am Ende wirklich froh, dass ich wieder nach Hause gehen und wieder das Essen konnte, womit ich mich wohl fühlte.

Öffentliche Verkehrsmittel und Infrastruktur

Da die Ausflüge auf Mallorca recht teuer waren – allein hingefahren und abgeholt werden zu irgendwelchen Orten kostete 15 Euro aufwärts -, entschieden wir uns, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Ich muss an dieser Stelle wirklich sagen, dass wir es in Deutschland – und speziell in Erlangen – wirklich sehr, sehr gut haben.

Ich habe keine Ahnung, wie Menschen mit Behinderung sich auf Mallorca fortbewegen. Von Niederflurbussen haben die dort vermutlich noch nie etwas gehört. Nicht in allen Bussen gab es Anzeigen für die nächsten Haltestellen, und Ansagen gab es schon gleich gar nicht. Außer dass der Busfahrer an den Hauptorten plärrte, wo wir waren. Wenn man allerdings sehr weit hinten saß und der Bus sehr voll war, konnte man das auch nicht hören, denn es gab im Bus offensichtlich auch kein Mikrofon, das der Fahrer hätte nutzen können. Dies führte u. a. dazu, dass wir einmal an unserer Haltestelle vorbei fuhren und dann mit dem nächsten Bus wieder zurück fahren mussten.

Der Ort, an dem wir waren, war recht übersichtlich, und vermutlich hätte ich mich dort nach einiger Zeit halbwegs ausgekannt. Ampeln gab es nur wenige. Dafür Zebrastreifen, bei denen ich nicht mehr weiß, ob man die ohne einen Blindenführhund finden kann. Allerdings muss man sagen, dass die Autofahrer auf Mallorca sehr rücksichtsvoll reagierten. Sobald sie den weißen Stock sahen, hielten sie an und ließen mich über die Straße. Das kenne ich aus Deutschland so nicht. Manche entschuldigten sich sogar, wenn sie mich übersahen.

Apropos sehen: Ich war laut meiner Begleitung eine absolute Attraktion in dem Ort. Fast so, als hätten die Leute da noch nie eine blinde Person gesehen. Alle fanden mich jedenfalls total interessant und haben mich angeglotzt. 😉

Sprachbarrieren

Jemand sagte mir kurz vor der Reise, auf Mallorca könnten alle Deutsch. Das stimmt natürlich nicht so ganz. Vor allem in kleineren Läden fanden sich oft Verkäufer/innen, die kein Deutsch und nur wenig Englisch konnten. Trotzdem bemühten sich alle um eine gute Verständigung und freuten sich immer riesig, wenn ich mit meinem Schulspanisch kam. Ich erhielt öfter Komplimente, dass ich so gut spanisch könnte, aber ich glaube, es lag nur daran, dass ich wenig Akzent habe. Mir sind nämlich ca. 95% der Vokabeln, die ich einst kannte, nicht mehr eingefallen. Besonders lustig war es immer, wenn ich mir zurecht legte, was ich fragen wollte, und dann aber die Antworten nicht verstand. Da ich unter den vielen deutschsprachigen Leuten auch nicht so auffallen wollte, sprach ich außerdem mit meiner Begleitung serbisch. Es hat durchaus Vorteile, zweisprachig aufzuwachsen. Daneben bediente ich mich auch noch des Englischen, wenn jemand kein Deutsch konnte und mir die spanischen Wörter nicht einfielen. Das ganze gipfelte am letzten Urlaubstag dann darin, dass ich einen spanischen Kellner etwas auf serbisch fragen wollte. Tja, man sollte vielleicht doch nicht zu viele Sprachen im selben Zeitraum sprechen 🙂

Fazit

An der Zugänglichkeit muss in Mallorca noch gearbeitet werden. Davon abgesehen war es aber ein schöner Urlaub. Ich bin vielen freundlichen Menschen begegnet. Außerdem hatte ich viel Bewegung, viel Sonne, viel frische Luft und das Rauschen des Meeres – was will man mehr?

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