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Obwohl wir in einer modernen, aufgeklärten Welt leben, erlebe ich es doch immer noch, dass manche Menschen staunen, wenn sie hören, was ich so in meiner Freizeit mache. Dass blinde Menschen musizieren, ist zwar allgemein bekannt. Wenn ich erzähle, dass ich Geige spiele, sind aber dennoch viele Leute überrascht.

Eine Anekdote zum Einstieg

Es gibt gewisse Situationskomiken, über die wohl nur blinde Menschen lachen können. Da ich mir seit kurzem in den Kopf gesetzt habe, ich müsse unbedingt mal die erste Stimme des Streichquartetts „Der Tod und das Mädchen“ (zweiter Satz) erlernen, habe ich vor kurzem beschlossen, mir einen Dämpfer für meine Geige zu kaufen. Ich kenne das Stück so gut, dass ich weiß, was da an Übungsintensität auf mich zukommt, und da ich nebenan eine EDV-Firma habe, die ja auch noch was arbeiten wollen, und ich auch gerne noch eine Weile in meiner Mietwohnung wohnen bleiben möchte, ist das wohl eine gute Idee. Auf der Suche nach dem richtigen Produkt habe ich angefangen, Amazon-Rezensionen zu lesen. Dort begegnete mir sinngemäß folgende Aussage: „Der Dämpfer ist so groß, dass ich, wenn ich ihn benutze, meinen Bogenstrich nicht mehr sehen kann und mich auf meine Koordination verlassen muss.“

Ich musste darüber erst einmal herzlich lachen. Ich meine, das Gehör macht es doch möglich, dass man weiß, ob man richtig streicht oder eher nicht. Dazu braucht man kein Augenlicht.

Warum Geige?

Tjaaaah … Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht mehr an meine erste Geigenstunde. Ich hatte eine polnische Lehrerin. Sie unterrichtete Geige und Klavier. Ich erinnere mich noch, dass ich immer gerne Klavier spielen wollte. Aber laut meiner Mutter meinte die Lehrerin, ich sei noch so klein (ich war sieben), und eine kleine Geige würde doch viel besser zu mir passen. Ob sie schon Erfahrung mit dem Unterricht blinder Schüler hatte, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber noch daran, dass sie erzählte, ihr Sohn (der damals fünf war) habe eine Sehstörung, die dazu führte, dass er alles nur zweidimensional wie auf einer Zeichnung sehen könne. Sie war also zumindest mit dem Problem des „nicht richtig Sehens“ vertraut.

Geige lernen als blinder Mensch

Geige ist ein schweres Instrument, vor allem am Anfang. Ob es aber für blinde Menschen schwieriger zu erlernen ist als für sehende, weiß ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass dem so ist, denn sehende Menschen lernen ja sehr viel am Modell. Sie schauen sich Dinge ab, was wir blinden ja nicht können. Dafür ist es bei der Geige aber natürlich auch so, dass man ein direktes Feedback darüber bekommt, ob die Töne sauber sind oder nicht. Als Kind achtet man darauf noch nicht so sehr. Zumindest erinnere ich mich nicht mehr gut daran. Aber je älter man wird, desto eher zieht man das natürlich heran. Außerdem muss alles ganz genau erklärt werden, wie der Bogen geführt wird. Dennoch braucht man eine gewisse Frustrationstoleranz. Man hat nicht so schnell die Erfolge, nicht wie wenn man am Klavier die ersten 6 Tasten in der richtigen Reihenfolge drückt und dann Alle meine Entchen hört. Aber es lohnt sich, etwas Zeit zu investieren. Jedenfalls bin ich mit der Wahl sehr sehr glücklich. 😉

Als kleines Kind konnte ich noch keine Blindennotenschrift. Deshalb habe ich Geige schon immer nach Gehör gelernt. Ich habe einfach die Stücke in ganz kleinen Häppchen vorgespielt bekommen und sie nachgespielt. Später kamen dann die Kassettenaufnahmen dazu. Ich weiß nicht mehr, ob ich das bei meiner ersten Lehrerin auch schon so gemacht habe, aber nach einem oder zwei Jahren habe ich den Lehrer gewechselt, weil die Dame umgezogen ist, und mit ihm habe ich es immer so gemacht. Er hat dann nicht nur die Stücke aufgenommen, sondern teilweise auch die Töne dazu gesagt oder Hinweise zur Bogenhaltung gegeben. Manche Hinweise kommen mir übrigens heute noch in den Sinn, wenn ich spiele. Davon abgesehen muss man sich auch manchmal einfach Dinge zeigen lassen. Das ist nicht immer ganz leicht, weil man die Hand dann ganz locker lassen und sich leiten lassen muss. Aber wenn man weiß, wie es klingen muss und wie es gemacht werden soll, dann geht irgendwann der Knoten auf und es klappt.

Dass die Töne sitzen, tja, das erfordert einfach Übung, Übung und noch mal Übung. Es ist, denke ich, ein wenig wie beim Fahrradfahren. Man speichert Vorgänge und Körperhaltungen ab. Irgendwann weiß man einfach, wo man seinen Finger hinsetzen muss, damit der Ton sauber klingt. Und wenn ein Finger erst mal richtig sitzt, weiß man irgendwann, in welchem Abstand man den nächsten hinsetzen muss, damit der nächste Ton sauber klingt. Eine gewisse Orientierung bietet natürlich auch der Geigenhals selbst. Dass die Orientierung fehlt, merkt man, wenn man in der Lage spielt und weder in der Nähe des Korpus noch in der Nähe der Schnecke mit den Fingern unterwegs ist. 😉

Das alles erscheint mir aber nicht sehr blindenspezifisch. Ich denke, das geht jedem so, der dieses Instrument erlernt. Das einzige, was sein kann, ist, dass es etwas langsamer geht. Aber da ich auch sonst keinen blinden Geiger kenne, habe ich als Maßstab nur mich selbst. Ich befinde mich also im Bereich der wilden Spekulation.

Musikstücke lernen

Um Musik zu erlernen gibt es für blinde Menschen zwei Möglichkeiten. Beide führen letztlich dazu, dass man das Stück auswendig lernen muss. Davon sind sehr viele Leute sehr beeindruckt. Generell neige ich ja eher dazu, Dinge als selbstverständlich zu betrachten, aber das ist wirklich manchmal ein schweres Geschäft, insbesondere, wenn rhythmische Raffinessen dazukommen oder man das Stück als solches einfach nicht richtig versteht.

Es gibt die Musiknotenschrift für blinde Menschen. Sie basiert auf der Brailleschrift. Die Symbole der Brailleschrift bekommen hier einfach andere Bedeutungen. Und manches ist auch ein wenig kompliziert, z. B. wenn man weiß, dass nach einem Ton noch zusätzlich eine Terz dazu gespielt wird und eine Septime, diese Intervalle dann erhöht oder erniedrigt oder aufgelöst (also nicht zur Tonart gehörig) gespielt werden und man dann das wilde Rechnen anfangen muss 😉 Das Hauptproblem ist aber natürlich, dass man eine Han zum Lesen braucht. Am Klavier geht das noch vergleichsweise einfach. Die Noten werden hier meist getrennt nach Händen notiert. Man kann also eine Hand lesen und gleichzeitig die Noten dazu mit der anderen Hand spielen. Danach setzt man das ganze dann zusammen. So mache ich es am Klavier.

Die andere Möglichkeit ist, ein Instrument nach Gehör zu erlernen. Beim Klavier dürfte das schwierig sein, weil man ja mitunter sehr viele Töne gleichzeitig hören muss und sich aus dem Gehörten auch nicht immer erschließt, mit welcher Hand was gespielt wird. Bei der Geige ist diese Vorgehensweise für mich die erste Wahl, weil man die Hände am Instrument belassen und im Optimalfall gleich ein wenig mitfiedeln kann. Grundsätzlich würde ich das wohl auch bei allen anderen Melodieinstrumenten so machen, also z. B. wenn ich Querflöte, Klarinette oder Oboe spielen würde. Aber sicher gibt es auch Leute, die Noten lesen, das Gelesene sozusagen zwischenspeichern und dann spielen. Ich habe auch schon Noten auf diese Weise gelernt, fand das aber unheimlich langwierig und kompliziert.

Ich kann mich erinnern, dass ich früher nicht wirklich weit kam. In einer Stunde haben wir einige Takte gelernt, wenn es Wiederholungen gab auch mal etwas mehr. Aber es dauerte immer viel länger als bei meinen Orchesterkameraden. Das hat mich früher oft sehr frustriert. Außerdem brauchte ich später, als ich keinen Unterricht mehr nahm, auch immer einen dummen, der für mich eine Aufnahme machte. Es war also alles sehr aufwendig.

Inzwischen fällt mir das Lernen von Musikstücken interessanterweise leichter. Die fortschreitenden technischen Möglichkeiten helfen mir aber auch hier. Es gibt sehr viele Stücke als Midi-Datei – ich habe letztens mal gegoogelt und sogar das Streichquartett gefunden 😉 Ich kann mir das dann in mein Programm einspeisen, kann die Geschwindigkeit an mein aktuelles Übe- oder Lerntempo anpassen, meine Geigenstimme lauter stellen und gleichzeitig den Kontext mithören. Bei Orchesterstücken ist das enorm hilfreich. Aktuell spiele ich z. B. gerade ein Stück, wo immer nur einzelne Töne gespielt werden. Es ist Begleitstimme für die Sologeige. Das könnte ich mir so niemals merken. Aber wenn ich höre, welche Akkorde alle zusammen spielen und auch die Melodie habe, dann ist es kein Problem. Solche Stücke spiele ich oft „on the fly“ mit, wenn sie einfach genug sind. Wenn ich weiß, welcher Akkord kommt, dann ist es auch nicht mehr wirklich relevant, ob ich jetzt wirklich den richtigen Ton gespielt habe, sondern nur, ob ich einen Teil des Akkords gespielt habe. Das merkt keiner.

Umgekehrt gibt es natürlich auch Stücke, die mir schwer fallen, weil ich sie nicht verstehe. Ich begreife Musik immer als eine Aneinanderreihung von abgeschlossenen Segmenten, so eine Art Sinnabschnitte. Wenn das Stück aber sehr variationsreich ist und ich darin kein System erkennen kann, dann tue ich mir extrem schwer damit. Manchmal geht der Knoten dann nicht auf. Manchmal packt mich aber auch der Ehrgeiz und ich klemme mich dahinter, bis es klappt. Unterm Strich bin ich aber viel entspannter geworden und finde es auch nicht schlimm, wenn ich im Orchester auch mal ein Stück gar nicht mitspielen kann. Das ist dann halt so.

Was mir oft völlig fehlt, sind so Sachen wie Strichrichtungen des Bogens oder Dynamik. Im Orchester verlasse ich mich darauf, dass die anderen die Dynamik einhalten und folge ihnen einfach. In der Regel klappt das sehr gut. Strichrichtungen bekomme ich manchmal so nebenher mitgeteilt. Dann hängt es davon ab, ob ich mir das merken kann oder nicht.

Am Uniorchester wurde ich abgelehnt mit der Begründung, ich könne ja das Tempo nicht halten. Das ist natürlich völliger Quatsch. Man hört ja, was die anderen spielen, und spielt dann auch in diesem Tempo mit. Einsätze muss man sich merken. Fertig, aus. Leider wollte der Orchesterleiter es nicht auf einen Versuch ankommen lassen. Und ich fand ihn so unfreundlich, dass mir auch die Lust verging.

Auswendiglernen hält übrigens den Geist fit. Als ich nach längerer Pause wieder damit anfing, ging es mir schwer von der Hand. Mit der Zeit ging es leichter. Und ich habe mir sagen lassen, dass auch sehende Musiker Sachen auswendig lernen, wenn sie z. B. sehr schwer sind und man sie gar nicht so schnell vom Blatt ablesen kann oder die Aufmerksamkeit auf die korrekte Umsetzung verwenden muss.

Eine Anekdote zum Schluss

Mein ehemaliger Geigenlehrer leitet hier in einer Musikschule ein kleines Laienorchester. Als ich dort anfing und die Leute mich noch nicht so gut kannten, kam es zu einer absolut irrwitzigen Situation. Ich kann ja praktisch nur noch hell und dunkel sehen, also auf keinen Fall Noten. Das wussten aber die Leute dort noch nicht. Ich setzte mich also während einer Probe auf meinen Stuhl und hörte den anderen zu, wie sie mit ihren Notenständern herumfuhrwerkten. Ich muss darüber immer schmunzeln, weil ich ja weder Licht noch Ständer brauche und die Noten ja auch im Kopf habe. Auf jeden Fall stellte meine Nebensitzerin ihren Ständer auf und ich meinte ganz spontan: Ah, super, dann schau ich bei dir mit rein! Das hatte dann zur Folge, dass meine Nebensitzerin auch wirklich den Ständer so hinschob, dass wir beide hätten reinschauen können.

Ich selber hatte gar nicht daran gedacht, dass sie meine Aussage für bare Münze nehmen könnte und wusste nicht, ob ich lieber lachen oder lieber im Boden versinken sollte. Ich habe mich dann aber doch fürs Lachen entschieden, da sich der Boden auch in der Vergangenheit noch nie für mich aufgetan hatte und es auch diesmal wohl nicht getan hätte.

Musik, Musik, Musik

Und hier noch ein paar schöne Youtube-Links von den Stücken, die wir zur Zeit im Orchester spielen und von dem Streichquartett:

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