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Sollte ich jemals Mutter werden, werde ich mir ein paar richtig fiese Sprüche einfallen lassen, mit denen ich sogenanntes „Personal“ beglücken werde, verlasst euch drauf! Oder anders gesagt: Wie stellt ihr euch eine blinde Mutter mit ihrer 6jährigen Tochter vor?

Meine Nichte wird im März sieben und geht seit letzten September in die Schule. Sie lebt in einem, sagen wir, gut situierten Elternhaus, was es mit Weihnachtsgeschenken manchmal schwer macht. Ich meine, sind wir doch mal ehrlich, eigentlich haben die Kids heutzutage alles, was sie brauchen, wenn sie nicht gerade in Armut leben müssen. Ich habe also recht lange überlegt, was ich meiner Nichte, nennen wir sie an der Stelle Eva, schenken könnte. Tatsächlich war mir bis zum 23. Dezember nichts eingefallen. Dann hörte ich in der Radiowerbung von „Walt Disney in Concert“, die Eiskönigin. Da Eva die Geschichte mag und selbst auch Geigenunterricht nimmt, dachte ich, coole Idee, und wir gehen zusammen hin – nur die Tante und ihre Nichte. Ich also Karten gekauft – in diesem Fall hat sich der Behindertenrabatt mal super ausgezahlt, aber das nur am Rande.

Ich war echt gespannt, wie die Leute sich im Konzertsaal und drumherum verhalten würden. Meine Schwester brachte uns hin, und das Personal war so nett sie mit uns hineinzulassen, damit sie uns zu den Plätzen bringen könnte. Eva ist immerhin erst sechs. Sie kann zwar schon ziemlich gut lesen, aber sich in so einem großen Gebäude zurechtzufinden, ist nicht so einfach – und mal ehrlich, es ist mit sechs auch nicht ihre Aufgabe, oder seht ihr das anders?

In der Pause wollten wir uns ein wenig die Beine vertreten. Außerdem musste ich ein stilles Örtchen aufsuchen. Ich hatte unsere Tickets in der Handtasche, kam aber nicht wirklich auf die Idee, beim Hinausgehen aus dem Saal noch mal vorzuzeigen. Auf jeden Fall stand dort eine Frau, die sagte zu Eva plötzlich: „Schau mal, hier ist eine Karte, die ist für deine Mama, die müsst ihr vorzeigen, wenn ihr wieder reingeht.“

Sprach’s und wandte sich dem nächsten zu. Leider habe ich zu langsam reagiert, ich habe nämlich erst mal gar nicht überrissen, dass die Frau mit Eva spricht. Ich bin ja auch nicht ihre Mama, sondern ihre Tante, was die Dame aber natürlich nicht wissen konnte. Allerdings, hätte sie mich persönlich angesprochen, dann hätte ich es ihr gesagt. Ich war so sauer, das könnt ihr euch vermutlich gar nicht vorstellen. Als ob ich irgendwie taub oder minderbemittelt wäre.

Es ging dann weiter. Eine vom Personal war dann immerhin ganz nett, als ich sie fragte, wo die Toiletten seien. Eva war zwar vor der Vorstellung mit der Mama einmal dort, aber sie konnte sie nicht wiederfinden, was ich auch nicht schlimm fand. Es kam dann natürlich die klassische Wegbeschreibung einer sehenden Person: „Dort hin und dann in den Keller.“
Ja neeee is klar!
„In den Keller“, wiederholte ich.
„Ja“, sagte Eva, „ich erinnere mich wieder.“

Wir gingen also in Richtung Kellertreppe, als von rechts eine ausländische Dame uns zurief: „Kommen Sie hierher, Sie brauchen nicht in den Keller. Hier ist eine Toilette.“
„Wo genau ist hier?“, fragte ich.
„Kommen Sie hierher.“
Nun, die Stimme kam von rechts, also wandte ich mich nach rechts.
„Mädchen, du kannst doch sehen, nicht? Da vorne ist die Toilette.“
Eva wirkte etwas unsicher, konnte nicht gleich erkennen, was die Frau meinte. Ich wurde sauer und meinte etwas forsch: „Sie ist sechs Jahre alt, da könnten Sie doch jetzt einfach mal ein paar Meter mitgehen, oder?“

Und achtung, die Dame konnte nicht. Sie wiederholte nur stur ihre Anweisung, bis Eva die Toilettentür fand. Es waren übrigens wirklich nur ein paar Meter, aber entweder sie hatte einfach keine Lust oder sie fand es total in Ordnung, dass eine Sechsjährige ihre blinde Mutter rumführt oder sie hat mich nicht verstanden, denn sie hatte einen Akzent.

Danach kauften wir uns etwas zu trinken, da wir natürlich keine Flaschen mit in den Konzertsaal nehmen durften. Wir mussten erst mal die Schlange an der Bar finden. Dort fragte ich Konzertbesucher, und ich sag’s euch, die waren die einzigen vernünftigen Leute da. Alle vom Personal gehören mal ordentlich durchgeschüttelt. Wir durften uns sogar mitten in die Schlange stellen – weil wir da eben gerade aufgeschlagen waren – und kamen dann auch schnell an die Reihe.

Dass die Leute hinter dem Tresen schon den nächsten bedienen, während ich bezahle, finde ich an sich total in Ordnung. Die Pause ist ja auch begrenzt und da waren echt viele Leute. Was ich aber nicht ok finde, ist, wenn man dann die Wasserflasche auf den Tresen stellt und nicht mal etwas sagt wie „Ihre Flasche steht da auf dem Tresen“. Höflich wäre es gewesen, man hätte mir die Flasche in die Hand gedrückt. Stattdessen versuchte also Eva an die Flasche zu kommen. Aber der Tresen war recht hoch, und ich bin mir nicht sicher, ob sie drangekommen wäre. Ich habe die Flasche dann doch noch gefunden und wir entfernten uns. Als wir die Flasche zurückbringen wollten, habe ich mich dann einfach frech über die aktuell bestellende Person gestreckt und gesagt „Entschuldigung, wem darf ich die Flasche geben?“ Nun, das hat funktioniert. Immerhin.

Eva hat dann sogar im Saal unseren Platz wiedergefunden. Und Achtung, scharfsinnig kombiniert. Erstens, ihre Sitzerhöhung lag da. Und sie war mit den Erdnüssen bekrümelt, die sie vor dem Konzert gegessen hatte. Zweitens, sie erkannte die Dame, die neben uns saß. Und drittens, vor dem Stuhl lagen Erdnüsse 😉

Ich weiß ehrlich nicht, ob ich vielleicht zu anspruchsvoll bin. Das, was mir gefehlt hat, ist einfach die gute Kinderstube. Wenn ich allein gekommen wäre, hätte man mich ja auch an die Bar oder die Toilette bringen müssen, wobei ich mich da wahrscheinlich einfach mit Hilfe von Passanten durchgefragt hätte. Der zweite Punkt ist, dass meine Nichte zwar offiziell meine „Begleitperson“ war, dass man sich doch aber als erwachsener Mensch überlegen muss, was so eine Sechsjährige leisten kann und welche Verantwortung man ihr aufbürden darf. Dass Eva alles super gemeistert hat, steht dabei auf einem völlig anderen Blatt. Ich für meinen Teil halte sie für ziemlich schlau und sozial verantwortlich, und das sage ich nicht nur, weil ich ihre Tante bin 🙂 Aber darum geht es mir nicht. Es geht mir darum, dass erwachsene Menschen Verantwortung übernehmen müssen und zwar genau dann, wenn ich als blinde Frau sie um Hilfe bitte. Es ist ja nicht so, dass ich rumgeirrt bin und nichts gesagt hätte. Nein. Ich habe die Leute gezielt angesprochen, und sie haben die Verantwortung an ein sechsjähriges Mädchen abgegeben. Und das finde ich doch zumindest zweifelhaft. Irgendwann habe ich vielleicht eigene Kinder. Muss ich mit denen dann so lange zu Hause sein, bis die alt genug sind, um mich mit ins Kino zu nehmen? Oder wird dann auch schon von einem vierjährigen Kind erwartet, dass es seine Mama zur Toilette, zur Bar und zurück zum Sitzplatz führt? Oder soll ich vielleicht gleich mein Einjähriges vor mir her schieben, damit es mich von A nach B bringt? Früh übt sich ja, wie man weiß.

Ich weiß echt nicht. Ich bin da vielleicht total falsch gepolt. Vielleicht lesen hier ja auch blinde Eltern mit und wollen etwas dazu sagen. Das würde mich wirklich sehr interessieren. Ich bin wirklich dafür, dass man Kindern Verantwortung übergibt, aber ich will selbst bestimmen, wann und in welchem Maße ich das tue.

Der Film war schön. Ich kannte bis dato nur das Ende. Die Musik war wirklich toll, die Akustik leider nicht so. Wir hatten noch Glück, dass wir in der dritten Kategorie saßen und nicht noch weiter vorne. Schon bei uns war es manchmal brutal laut und dabei gleichzeitig schlecht verständlich. Da Eva die Geschichte ja schon kannte, habe ich sie ab und zu was gefragt. Sie hat das dann zum Anlass genommen, mir hin und wieder was zu beschreiben oder mir vorzulesen, wenn da z. B. „3 Jahre später“ stand. Da kam ich mir ehrlich gesagt echt ein bisschen seltsam vor, fand es aber auch total süß. So viel zum Abschluss noch zu den schönen Anteilen dieses Abenteuers.

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